Daniel Funk's Griechenlandblog

Daniel Funk's Griechenlandblog über die Krise in Griechenland

Kohl und Mitsotakis: Für Griechenland schicksalhafte Europäer

Das Erbe der beiden kürzlich verstorbenen und für das heutige Griechenland prägenden Gestalten ist recht zwiespältig. Ein Rückblick.

Konstantinos („Kostas“) Mitsotakis wurde 1918 in Kreta geboren und starb am 29. Mai 2017 in Athen. Er nahm am kretischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung teil, wurde zum Tode verurteilt, entkam aber. Er war von 1946 bis 1981 mit einem Unterbruch Mitglied des griechischen Parlaments. Liberaler Herkunft, gehörte er in den sechziger Jahren der Zentrumsunion des Ministerpräsidenten Georgios Papandreou an, bis er 1965 als Abtrünniger den Sturz der Regierung einleitete. Die nachfolgenden politischen Turbulenzen führten in die Diktatur und Papandreou lebte bis zum Sturz des Obristenregimes 1974 im deutschen Exil. Er war von April 1990 bis Oktober 1993 griechischer Ministerpräsident und gehörte der grossen Rechtspartei Nea Dimokratia an. In Anbetracht der Tatsache, dass er einer Minderheitsregierung vorstand, ist es bemerkenswert, dass er seine Vierjahresperiode trotzdem praktisch ausschöpfte.

Moderate Reformen, massloser Protest

Ich kann mich gut an diese Zeit erinnern. Es waren die Jahre, wo ich begann, regelmässig das Land zu bereisen. Die Regierung versuchte, die öffentlichen Ausgaben moderat zu beschneiden, privatisierte das eine oder andere Staatsunternehmen wie zum Beispiel den Zementriesen Aget Iraklit und versuchte, den öffentlichen Dienst zu modernisieren. Alles, was Mitsotakis tat, wurde sofort von einer riesigen Protest- und Streikwelle begleitet. In Athen fuhren zum Beispiel monatelang gar keine Busse, weil die Regierung diese privatisieren wollte. Hinter vorgehaltener Hand gaben mir Bekannte schon damals zu verstehen, dass Mitsotakis Recht habe, weil zum Beispiel die Zustände bei der Busgesellschaft jeder Beschreibung spotteten: Zu viele Angestellte in den Büros, zu alte Busse – es handelte sich um ungarische Ikarus-Fahrzeuge, die eine riesige Russwolke hinter sich herzogen und deren Einstieg so hoch war, dass man sozusagen hineinklettern musste. Diesen Problemen wollte der Ministerpräsident mit liberalen Lösungen zu Leibe rücken. Seiner inexistenten Mehrheit wegen und weil er im politisch linken Spektrum wegen seiner Rolle in den Sechzigerjahren diskreditiert war, konnte er nicht alles durchsetzen. Die Busse wurden zum Beispiel von der Nachfolgeregierung umgehend wieder verstaatlicht.

Gleichzeitig war er der Gründer einer der drei mächtigen Politikerfamilien, die Griechenland dominieren und an denen Griechenland krankt. Seine Tochter, Dora Bakogianni, war von 2006 bis 2009 Aussenministerin, sein Sohn Kyriakos Mitsotakis ist heute Chef der Nea Dimokratia und würde Ministerpräsident, falls der jetzige Amtsinhaber Alexis Tsipras die nächsten Wahlen verliert.

Ich weiss: Die Frage „was wäre gewesen, wenn“, ist unter Historikern verpönt, aber spekulieren ist halt doch interessant. Hätte Mitsotakis seine Reformen durchsetzen können, dann wäre vielleicht die Krise nicht derart plötzlich und derart hart über das Land hereingebrochen. Der öffentliche Sektor wäre etwas kleiner und etwas schlanker und würde die Privatwirtschaft nicht immer fast erdrücken. Der private Sektor wäre grösser, weniger fragmentiert und wettbewerbsfähiger – auch im Export. Das hätte vielleicht dazu geführt, dass Griechenland kein derartig hohes Zwillingsdefizit (staatliches Defizit und Defizit der Aussenwirtschaft) angehäuft hätte und das wiederum hätte es dem Land eventuell erlaubt, die Schulden auch nach dem März 2010 am Markt zu refinanzieren, denn die Risikozuschläge bei den Staatsanleihen wären bei einer seriöseren Finanzierung wohl kaum derart durchs Dach gegangen und der Effekt wäre bei einem geringeren Schuldenstand auch nicht derart desaströs gewesen. Damit wären auch die nachfolgenden Anpassungsprogramme nicht derart hart ausgefallen. Und damit wäre die Krise nicht derart hart gewesen und hätte nicht derart lang gedauert.

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Helmut Kohl wurde 1930 geboren und verstarb am 16. Juni 2017 in seinem Haus in Ludwigshafen. Als deutscher Bundeskanzler war er von 1982 bis 1998 im Amt und damit der Amtsinhaber mit der bisher längsten Amtszeit.

Visionärer Aussenpolitiker, Freund kleiner Länder, aber ohne wirtschaftlichen Sachverstand

Ich kann mich an Gespräche erinnern, die ich gegen Ende der Achtziger Jahre mit deutschen Mitstudenten führte. Kohl war damals zunehmend unpopulär und man war allgemein der Meinung, er würde bei den nächsten Wahlen abgelöst. Dann folgten die epochalen Ereignisse der Jahre 1989/90. Die kommunistischen Regimes fielen wie Dominosteine eins nach dem anderen und Kohl bewegte sich mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem internationalen Parkett. Er wusste: Jetzt oder nie! Es tat sich eine historische Chance auf, Deutschland zu vereinigen. Kohl drückte aufs Tempo und ergriff sie. Am 3. Oktober 1990 war vollendet, was noch kurz vorher unmöglich schien. Deutschland war wieder vereinigt und trotzdem fest im Westen und in der EU verankert. Diese historische Leistung kann niemand kleinreden.

Genau zu dieser Zeit und in den Jahren danach, brachte Mitsotakis aussenpolitisch kaum ein Bein vor das andere. Anstatt mutig auf die ehemals kommunistischen Balkanländer zuzugehen und eine wirtschaftliche Offensive loszutreten wie das damals Österreich in den ehemaligen Ländern der k.u.k. Monarchie tat, verzettelte sich Griechenland in innenpolitischen Grabenkämpfen.

Zurück zu Kohl. Alles hat eine Kehrseite. Die Kehrseite der Wiedervereinigung war die Etablierung der Eurozone. Vermutlich musste Kohl die Lancierung einer Währungsunion dem damaligen französischen Präsidenten François Mitterand versprechen, damit dieser die Wiedervereinigung schluckte. Der Rheinländer war zwar ein begnadeter Aussenpolitiker, aber von Wirtschaft verstand er nichts; Ökonomie interessierte ihn auch nicht sonderlich. Er verstand kaum die Tragweite der Entscheidungen bei der Etablierung der Eurozone und es war in der Endphase von Kohls Amtszeit, als getrickst wurde, bis die Kennzahlen von Griechenland, Italien, Portugal und Belgien für einen Beitritt zur Eurozone passten. Wie gefährlich dies war und dass dieses Tricksen den Keim der Desintegration der Eurozone in sich barg, das verstand der grosse Freund der europäischen Einigung nicht. Sonst hätte er es nicht zugelassen und sich mit einer kleineren Eurozone zufriedengegeben.

Kohl fehlt uns deshalb vor allem als Aussenpolitiker. Kaum war er weg, nährte die Politik seiner Nachfolger Schröder und Merkel den Verdacht, dass sich Deutschland für mehr hielt, als ein Partner, der auf Augenhöhe verhandelt. Hätte ein Finanzminister vorgeschlagen, wie das Peer Steinbrück tat, man könne die „Kavallerie in die Schweiz schicken“ oder ein Finanzminister, wie das Wolfgang Schäuble seit Jahren tut, öffentlich gefordert, die Südländer und Frankreich sollten in Bezug auf ihren Haushalt die „Hausaufgaben“ machen, dann hätte ihn Kohl wohl ziemlich schnell in den Senkel gestellt. Hätten die griechischen Ministerpräsidenten Papandreou, Papadimos, Samaras und Tsipras nicht mit Schäuble, sondern mit Theo Waigel verhandeln müssen, dann hätte Kohl wohl zu verhindern gewusst, dass Deutschland zeitweise gegen die anderen 27 EU-Länder stand. Es ist undenkbar, dass er einem ganzen Kontinent seine Vorstellungen von Sparpolitik aufgezwungen hätte und das als „alternativlos“ bezeichnet hätte wie das Merkel gerne tut. Und es hätte auch keinen Streit zwischen Athen und Berlin über Reparationszahlungen aus der Kriegszeit gegeben.

Kohl war in Europa der Sachwalter der kleinen und mittleren Länder – sei es Griechenland, sei es die Schweiz. Die Griechen hätten nicht ständig gezeigt bekommen, wo wirtschaftspolitisch der Hammer hängt und die Polen hätten nicht ständig Nachhilfeunterricht in Sachen Demokratie erhalten. Kohl wollte nicht auf Biegen und Brechen seine Prinzipien durchsetzen, er wollte gemeinsam Europa voranbringen und ging davon aus, dass das auch für Deutschland gut sei. Nationale Alleingänge, wie sie unter Merkel wieder vorgekommen sind, hat es unter Kohl nicht gegeben. Die Art wie Deutschland mit Russland Erdgasgeschäfte unter Umgehung der europäischen Partner einfädelt, war in der Nachkriegszeit bis zum Abgang Kohls komplett unbekannt. Auch die Griechenlandkrise hätte der grosse Staatsmann sicher geräuschloser und vielleicht mehr im Sinne europäischer Zusammenarbeit über die Bühne gebracht. Der Rheinländer wird uns noch fehlen!

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Aktenzeichen Zypernproblem ungelöst

Es hat fast geklappt. Von den Medien praktisch unbeachtet, ist Ende Juni, anfangs Juli in Crans-Montana eine weitere Zypernkonferenz ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Das bedeutet, dass das Zypernproblem wohl auf absehbare Zeit ungelöst bleibt.

Auch Uno-Generalsekretär Antonio Guterres konnte nichts mehr tun. Obwohl er in letzter Minute versuchte, zu retten, was zu retten war, ging eine weitere Zypernkonferenz ergebnislos zu Ende. In diesen Spalten habe ich schon mehrmals über die leidvolle Geschichte der Insel der Aphrodite berichtet, die seit 1974 geteilt ist. Auf der einen Seite steht die international anerkannte Republik Zypern, während die nur von der Türkei anerkannte Türkische Republik Nordzypern mit etwa 40’000 türkischen Soldaten 37% des Bodens besetzt hält.

An der Konferenz unter der Schirmherrschaft der Uno nahmen neben dem zypriotischen Präsidenten Anastasiades und dem türkischzypriotischen Volksgruppenführer Mustafa Akıncı auch die Aussenminister Griechenlands und der Türkei sowie Großbritannien als frühere Kolonialmacht teil. Diese drei Staaten waren seit der Unabhängigkeit 1960 Zyperns Garantiemächte.

Die Konferenz ist von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden. Beide Seiten sind seit dem letzten Zusammentreffen in Genf bei ihrer Verhandlungsposition geblieben. Anastasiades machte im letzten Moment noch Kompromissvorschläge, bestand aber darauf, dass die türkischen Besatzungstruppen irgendwann in der Zukunft abgezogen werden.

Das Kapitel „Sicherheit und Garantien“ stellte sich also erwartungsgemäss als Stolperstein heraus, als das Problem, an dem die Einigung scheiterte. Die Türkei besteht darauf, auch in Zukunft Garantiemacht eines wiedervereinigten Zypern zu sein und dort mit Truppen zu stationieren – wenn auch weniger. Der zypriotische Präsident Anastasiades und die Inselgriechen argumentieren, ein EU-Staat wie Zypern brauche keine Schutzmacht – und schon gar nicht die Türkei, die der Europäischen Union überhaupt nicht angehört.

Der türkischzypriotische Volksgruppenführer Mustafa Akıncı apellierte, die „historische Chance“ für eine Wiedervereinigung nicht zu verpassen. Vergeblich. Denn nicht Akıncı, sondern der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu machte in Crans-Montana die Musik. Und dieser wiederum handelte im Auftrag des grossen Sultans, von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Seit einigen Monaten war abzusehen, dass Erdogan keinen Anreiz hat, in der Zypernfrage Zugeständnisse zu machen. Die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU sind heute weitgehend eingefroren, unter anderem weil sich die Türkei weigert, das EU-Land Zypern völkerrechtlich anzuerkennen und ihre See- sowie Flughäfen für Schiffe und Flugzeuge aus Zypern zu öffnen.

Ein zypriotischer Freund sagte mir von einigen Monaten: „Die Türkischzyprioten sind nicht das Problem. Mit ihnen einigt man sich relativ schnell. Es kommt darauf an, was der grosse Sultan sagt.“ Er hat Recht behalten. Die Erwartung der EU und der Griechischzyprioten, die Türkei werde sich zu Kompromissen in der Zypernfrage bewegen lassen, um die Beitrittsverhandlungen voranzubringen, hat sich nicht erfüllt.

Das neue Reformpaket bringt keinen Aufschwung (4. Juni 2017)

Griechenland muss die Renten weiter kürzen und auf Jahre hinaus einen riesigen Primärüberschuss erzielen. Das drückt die Binnennachfrage und lässt kaum Investitionen zu. Der Aufschwung lässt weiter auf sich warten.

Die europäische Statistikbehörde Eurostat hat bestätigt, dass der griechische Schuldenberg 2016 bei 179% der Wirtschaftsleistung des Landes lag. Diese unvorstellbare Zahl macht Hellas in dieser Disziplin einmal mehr zum Schlusslicht innerhalb der EU.

Meine Fehleinschätzung

Und nun die gute Nachricht: Durch die konsequente Sparpolitik konnte das Land einen Haushaltüberschuss von 0,7 % erwirtschaften – immer in Prozent der Wirtschaftsleistung gemessen durch das Bruttoinlandprodukt (BIP). Es handelt sich um den ersten Haushaltsüberschuss seit mehreren Jahrzehnten. Der Primärüberschuss, das heisst der Staatshaushalt ohne Berücksichtigung der Tilgung und Verzinsung der Schulden betrug nicht weniger als 4,2 Prozent. Damit hat Griechenland weit über das Ziel hinausgeschossen und mit seiner Sparpolitik das vereinbarte Sparziel um das Achtfache übertroffen. Gefordert war von den Geldgebern ein Primärüberschuss von 0,5%. Was sich schon im letzten Herbst abgezeichnet hat, ist nun auch amtlich und von der EU bestätigt. Dieses Ergebnis habe ich nicht erwartet und es muss deshalb als Sensation bezeichnet werden, weil kaum ein Industrieland je einen solchen Primärüberschuss erzielte. Meine Fehleinschätzung wird dadurch relativiert, dass ich in sehr guter Gesellschaft bin: Gerade einen Tag vor der Veröffentlichung der Statistikzahlen hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) bezweifelt, dass Griechenland einen Primärüberschuss von 3,5% je erreichen würde, ein Ziel, dass erst im Jahr 2018 hätte erreicht werden müssen.

Wie haben die angeblich so sparunwilligen Griechen das nur geschafft?

Von einer linksradikalen Regierung hätte man alles andere erwartet, aber nicht das. Der „Erfolg“ hat wohl drei Gründe: Einerseits ist die Wirtschaftsleistung nicht weiter eingebrochen. Andererseits hat die Regierung tatsächlich gespart! Sie hat die allgemeinen Ausgaben der Zentralregierung von EUR 28.08 Mrd. auf EUR 25.51 Mrd. zurückgefahren. Und drittens wird jetzt endlich ernst gemacht mit dem Kampf gegen die Steuerhinterziehung. Wie das? Traditionell ist Griechenland eine Bargeldwirtschaft. Man bezahlt praktisch überall bar und bekommt oft keine Quittung, was dem Leistungserbringer die Möglichkeit gibt, das Geld am Fiskus vorbeizuschleusen. Als im Jahr 2015 im Rahmen der Unsicherheit, ob das Land Pleite gehen wird, die Banken gestürmt wurden und die Regierung ein Ausbluten dieses Institute verhindern wollte, führte sie Kapitalkontrollen ein – und hat diese bis zum heutigen Tag beibehalten. Das bedeutet, dass man von jedem beliebigen Konto pro Woche nur knapp 500 Euro in bar abheben darf. Überweisungen mit Ausnahme von Geldtransfers ins Ausland, und Kartenzahlungen sind aber frei. Weil den Menschen ständig das Bargeld auszugehen droht, üben sie automatisch Druck auf die Leistungserbringer aus, Kartenzahlungen zu akzeptieren. Und damit können diese die Leistung nicht mehr am Fiskus vorbeischleusen. Die Griechen spüren nun die hohe Steuerlast. Gleichzeitig hat nun auch der Staat wirkungsvolle Hebel in der Hand, Steuerschulden auch wirklich einzutreiben. Er beschlagnahmt ohne viel Umstände Konten und verwertet ohne Federlesens zu machen Immobilien. Die geneigte Leserin, der geneigte Leser soll mich nicht falsch verstehen: Diese Art von „financial repression“ ist mir sehr unsympathisch und ich wünsche mir nicht, dass dieses Rezept allenthalben kopiert wird. Aber im griechischen Fall war diese Methode zielführend.

Die schlechte Nachricht

Die schlechte Nachricht besteht darin, dass Griechenland gemäss der Darlehensvereinbarung bis mindestens 2021 oder 2022 einen Primärüberschuss von 3,5 des BIP erwirtschaften muss. Damit dieser ambitiöse Wert erreicht werden kann, musste Griechenland im Mai ein neues Sparprogramm auflegen, das weitere Rentenkürzungen bringt und die Steuereinnahmen steigert. Die Ergänzungsleistungen (EKAS) werden ganz gestrichen und die Renten generell neu bemessen und gekürzt. Man nimmt an, dass der Durchschnittsrentner etwa 10% der Bezüge verliert. Sicher helfen diese Massnahmen nicht, Griechenland wieder auf den Wachstumspfad zu bringen, um die gigantischen Einkommenverluste zu verkraften, die das Land seit 2008 zu gewärtigen hatte. Aber sie bringen eine prekäre Stabilisierung. Mit Fug und Recht verlangt die griechische Regierung nun Verhandlungen über eine Schuldenreduktion. Vorleistungen haben die Griechen nun weiss Gott genügend erbracht. Denn wie in diesen Spalten mehrfach begründet, würden nur ein Schuldenschnitt und weitere marktwirtschaftliche Reformen und eine Entbürokratisierung des Staates die Belastung der Bürger senken, so dass wieder Geld für Investitionen vorhanden wäre und ein investorenfreundliches Klima entstehen würde.

 

Die Wikinger haben es besser (7. Mai 2017)

Der Vergleich zwischen dem Umgang mit der Krise in Griechenland und in Island ist aufschlussreich und lässt zwei Schlüsse zu: Ab einem bestimmten Punkt geht es nicht ohne Schuldenschnitt und eine eigene Währung ist in Krisenzeiten buchstäblich Gold wert.

In einem der letzten Blogbeiträge habe ich begründet, warum Griechenland selbst unter Beachtung sämtlicher Kreditauflagen heute noch praktisch genau so pleite wäre, wie im März 2010, als es dem Land nicht mehr gelang, die Schulden zu refinanzieren. Ich begründete, dass die Darlehensvereinbarungen somit falsch strukturiert und nicht zielführend sind. Der Beitrag bezog sich auf ein deutsches Forschungsinstitut, das den Griechen empfohlen hatte, sich ein Beispiel an Ländern wie Spanien, Italien, Portugal oder Irland zu nehmen, Länder, die heute zwar nicht gerade blühen, aber aus dem Gröbsten heraus sind. Ich begründete in diesem Beitrag, warum dieser Vergleich hinkt. Allerdings gibt es einen Vergleich, der sehr wohl aussagekräftig ist und nebst allen Unterschieden, die es sehr wohl gibt, zeigt, wie man es besser macht.

Das Sparkonto mit dem attraktiven Zins

Im Herbst 2008 muss es gewesen sein, als sich eine Bürokollegin über die unattraktiven Zinsen in der Schweiz beschwerte und mir Informationen über ein isländisches Institut unter die Nase hielt, das sage und schreibe 4% Zins für ein Sparkonto in Schweizer Franken anbot. Was ich darüber denke, fragte sie.

In einem Satz, sagte ich: „Finger weg!“

„Warum?“ fragte sie.

Ich erklärte der Kollegin, dass auf den Finanzmärkten der Ertrag und das Risiko siamesische Zwillinge sind, und dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, Erträge zu erwirtschaften: den von der Zentralbank gewährte risikolose Zins (und der war schon damals deutlich tiefer als 4%) und das Eingehen von Risiken. Ich vermutete, dass die Refinanzierung eines derart hohen Zinses nicht durch die konservative Finanzierung von isländischen Fischerbooten zustande komme, sondern durch risikoreiche, kurzfristige Finanzierungen an den Finanzmärkten.

Meine Kollegin liess die Finger vom unmoralischen Angebot aus dem hohen Norden. Zum Glück: Kurz später brach die Finanzkrise aus, die Interbankenmärkte trockneten aus und das gesamte isländische Bankensystem war pleite.

Eine Darlehensvereinbarung auch für Island?

Die isländische Regierung reagierte, indem sie das inländische Geschäft der bankrotten Banken in eine Auffanggesellschaft überführte. Die inländischen Guthaben sollten durch den isländischen Einlagesicherungsfonds garantiert werden.

Gleichzeitig wertete die Regierung die Landeswährung, die isländische Krone ab und führte Kapitalverkehrskontrollen ein, damit der Kapitalexport und das Wechseln in harte Währung unterbunden werden konnte. Diese Massnahme sollte die einbrechende Wirtschaft wieder ankurbeln und vor allem dem Tourismus und der Exportindustrie – vor allem dem Fischfang – zugutekommen.

Länder, in denen die isländischen Banken stark engagiert waren, bestanden aber darauf, dass Island auch deren Kontoinhaber entschädigen würde. Nach einigen Hin und Her schloss dann die Regierung eine Darlehensvereinbarung mit Grossbritannien, den Niederlanden und Dänemark. Die Vereinbarung besagte, dass Island die Kontoinhaber aus diesen Ländern über ein Darlehen entschädigen würde und dieses dann langfristig abstottern würde, dass also die Schulden der Banken nicht abgeschrieben, sondern dem Staat überbürdet würden. Da die Verbindlichkeiten der isländischen Geschäftsbanken ein Mehrfaches der Wirtschaftsleistung des Landes ausmachten, hätte das dazu geführt, dass Island im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung auf einem Schuldenberg gesessen hätte, der ein Mehrfaches der Schulden Griechenlands ausgemacht hätte. Das hätte bedeutet: Sparprogramme, zusätzliche Rezession, weitere Sparprogramme – wie in Griechenland. Die ausländischen Geldgeber versuchten also, Island zu zwingen, für die Schulden der privaten Banken geradezustehen, so, wie sie das mit Irland gemacht hatten.

Die Volksabstimmungen

Die Bevölkerung protestierte heftig gegen den Plan, der vom Parlament knapp angenommen wurde. Die Menschen machten ihrem Ärger auch dadurch Luft, dass sie mit Pfannendeckeln an Demonstrationen lärmten. Nun entwickelte sich die Sache aber anders als in Griechenland oder Irland: In Island kann der Staatspräsident, ansonsten ein zeremonielles Amt, gegen Gesetze das Veto einlegen, was diese einer Volksabstimmung unterstellt. Und Präsident Olafur Grimsson machte von seinem Recht Gebrauch – zum ersten Mal seit der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1944. Bei der Volksabstimmung im Jahr 2010 wurde die Darlehensvereinbarung dann mit einer über 90-prozentigen Mehrheit regelrecht im Atlantik versenkt.

Länder wie Grossbritannien versuchten es mit Repressalien. London wendete sogar die Antiterror-Gesetzgebung auf Island an und die damalige Labour-Regierung versuchte, das Land in die Liste der „Schurkenstaaten“ aufzunehmen.

Die Regierung in Reykjavik handelte eine neue Vereinbarung aus. Das Vertragswerk war aber nur mässig besser als das erste; es bürdete dem Land über Jahrzehnte hohe Zahlungen auf und Island hätte erst noch einen Zins von 3 % zahlen müssen.

Wiederum weigerte sich Präsident Grimsson, das Gesetz gegenzuzeichnen. Und wiederum ging es in der Volksabstimmung bachab, oder besser: wurde mit einer komfortablen Mehrheit von fast 60% in den Atlantik gespült. Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir sagte zu dem Ergebnis, es sei der „denkbar schlechteste Ausgang“. Ihre Regierung hatte sich für ein Ja eingesetzt. Die Politikerin sollte sich täuschen.

Die Wikinger setzen sich durch

Der Fall landete vor Gericht. Island ist ein EWR-Land und deshalb ist der Gerichtshof der Europäischen Freihandelszone (EFTA) zuständig. Der EFTA-Gerichtshof gab den Isländern Recht. Er bestimmte, die Regierung in Reykjavik sei in keiner Art und Weise verpflichtet, Gläubiger einer bankrotten privaten Bank zu entschädigen. Auch die Tatsache, dass in Island wohnhafte Bankgläubiger vom isländischen Bankensicherungsfonds profitieren würden, sei kein Verstoss gegen das Diskriminierungsverbot, da dieser Fonds privatwirtschaftlich organisiert sei. Die NZZ kommentierte am 29. Januar 2013 den Gerichtsentscheid sehr negativ und argumentierte, der Reputationsverlust für das Land im hohen Norden sei gross und dieses sei gut beraten, die Gläubiger in irgendeiner Weise zu entschädigen. Die Zeitung vergass offensichtlich ihr marktwirtschaftliches Credo.

Die Wikinger hatten sich aber durchgesetzt: Sie konnten den harten Bankrott der Banken durchziehen und eine Abwertung von in der Summe 80% der Landeswährung gepaart mit Kapitalverkehrskontrollen führten dazu, dass die Krise schnell überwunden war. Das Land geriet zwar 2008 in eine scharfe Rezession, aber der Absturz konnte schon im Folgejahr gebremst werden und schon zwei Jahre später herrschte wieder Wachstum. Heute blüht es im hohen Norden. Ganz anders Griechenland: Das Land geriet 2008 in die Rezession und der Absturz dauerte bis etwa 2014. Und seither geht es unten in der Talsohle weiter. Ein Aufschwung ist nicht festzustellen und scheint in weiter Ferne zu sein.

Auch die Griechen versuchten im Jahr 2015 mit dem Mut der Verzweifelten, durch eine Volksabstimmung die Darlehensvereinbarung abzuschütteln und einen Schuldenschnitt zu erzwingen. Was hat dazu geführt, dass den Isländern das gelang, was in Griechenland scheiterte?

Auf einen Nenner gebracht ist es die Tatsache, dass Island über eine eigene Währung verfügt. Das hatte zwei Folgen:

  • Innerhalb der Eurozone werden sämtliche geldpolitischen Entscheide zentral gefällt. Griechenlands Banken wackelten 2015 und das Land war auf Liquidität der Eurozone angewiesen. Sonst wäre der Sektor zusammengebrochen. Mit unabsehbaren Folgen, einem chaotischen Austritt aus der Eurozone und wahrscheinlich bürgerkriegsähnlichen Wirren. Die Isländer konnten sich diese Liquidität aber selber schaffen als es hart auf hart ging und so dem Druck des Auslandes standhalten, was den Griechen nicht gelang. Sie verhinderten so, dass dem isländischen Staat Schulden aufgezwungen werden, die dieser nicht tragen konnte.
  • Durch die unabhängige Geldpolitik konnte Island im richtigen Moment abwerten und so die Folgen der Krise abfedern.

Die Lehre aus diesem Vergleich besteht darin, dass eine eigene Währung in Krisenfall im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert ist. Die richtige Strategie wäre auch bei Griechenland ein harter Schuldenschnitt gewesen gepaart mit marktwirtschaftlichen Reformen. Aber in einer Währungsunion kann das ein Land nicht ohne die Mitarbeit oder zumindest die Duldung der anderen Mitglieder durchziehen – oder wie im isländischen Fall: gegen den erklärten Willen der ausländischen Partner.

Sicher gibt es auch Unterschiede. Ich sehe vor allem deren drei:

  • Island ist viel kleiner. Gemessen an der Wirtschaftskraft und an der Bevölkerung ist das Land nicht mit Griechenland zu vergleichen. Ein harter Staatsbankrott Athens hätte deshalb Europa viel stärker geschmerzt als die Bankenzusammenbrüche in Island, weil die Schulden Athens absolut viel höher sind.
  • Es handelte sich im isländischen Fall um den Ausfall privater Schulden und nicht von staatlichen Darlehen. Volkswirtschaftlich ist das aber von dem Moment an irrelevant, wo man versucht, diese privaten Schulden dem Staat zu überbürden. Und das wollten im isländischen Fall Grossbritannien, die Niederlande und Dänemark – und sind damit gescheitert.
  • Drittens handelt es sich bei Island um ein gut funktionierendes Staatswesen und nicht um einen korrupten, verbürokratisierten Staat mit schwachen Institutionen. Im entscheidenden Moment funktionierten in Island die starken und voneinander unabhängigen Institutionen und die Demokratie. Der Staatspräsident behielt nicht nur im entscheidenden Moment die Nerven, sondern er hatte mit dem Vetorecht des Präsidenten auch ein Instrument in der Hand, das Fehlentscheide von Regierung und Parlament in extremis korrigieren kann. Mit dem Ziehen der Notbremse konnte das Ruder im letzten Moment herumgeworfen werden.

Das ist Marktwirtschaft: Wer ein Risiko eingeht, dem winken auf den Märkten Ertragschancen. Geht es gut, dann ist das Geld verdient. Geht die Sache schief, dann soll der Investor den Schaden tragen, nicht der Staat. Die Wikinger haben das gut gemacht.

Und wo liegen heute die griechischen Schuldverschreibungen, die immer noch nicht abgeschrieben wurden? Richtig, grösstenteils bei staatlichen Organisationen wie den Eurorettungsfonds, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds.

Rote Eier, Feuerwerk und Lamm

Ostern ist in Griechenland mehr als ein religiöses Fest. Es ist tief in der Tradition des Volkes verwurzelt. In Hellas wird Christi Tod und Auferstehung eine ganze Woche gewidmet. Wird Griechenland auch wirtschaftlich Auferstehung feiern? .

Wieder einmal wage ich es, das Thema dieses Blogs etwas zu dehnen. Warum? Ostern kommt in Griechenland und allgemein in der orthodoxen Welt eine derart überragende Bedeutung zu, dass alle Betrachtungen zu Griechenland ohne Ostern und die Osterbräuche unvollständig sind.

Dieses Jahr fallen die Ostern in Griechenland und im Westen auf das gleiche Datum, aber häufig gibt es einen Unterschied, der bis zu einem Monat ausmachen kann. Der Grund besteht darin, dass die orthodoxe Kirchen die Ostern mit dem alten Kalender berechnen.

Palmsonntag

Der Palmsonntag ist der letzte Fastensonntag und nach vierzigtägigem Fasten ist Fisch erlaubt. Nicht viele Leute fasten so lange, aber der Brauch, am Palmsonntag Fisch zu essen, ist nach wie vor sehr populär. Erinnerungen an das Essen am Meer werden wach: frische Fische, knusprige Frites und einen Steinwurf entfernt die in der tiefblauen See dümpelnden Boote. Der Morgengottesdienst hat etwas Festliches: Er stellte Christi triumphalen Einzug in Jerusalem dar. Die Kirche ist mit Palmwedeln und Lorbeerblättern geschmückt, die der Priester eingesegnet hat und an die Gemeinde verteilt. Jedermann nimmt seinen Zweig nach Hause und stellt ihn vor die Ikone. Auf dem Lande geht man mit dem gesegneten Zweig über das Feld und bestreicht Tiere und Bäume, damit sie gesund und fruchtbar bleiben.

Für diejenigen, die sich nicht strikt an die Fastenregeln halten, ist der Palmsonntag die letzte Gelegenheit, den Kühlschrank von tie­rischen Produkten wie Fleisch, Fisch oder Milchprodukte zu säubern, die ein „guter Christ“ in der Karwoche wirklich nicht essen sollte.

Heiliger Montag

Ostern: Das ist die Geschichte von Tod und Auferstehung, in der es vielfältige Bezugspunkte zur antiken griechischen Kultur gibt. Elemente der antiken Tragödie vermischen sich mit dem Evangelium, das nicht nur vorgelesen, sondern von den Priestern feierlich gemimt wird. Die Gläubigen sind emotional beteiligt, wie die Zuschauer eines Theaterstückes.

Wie der Chor im antiken Drama, intervenieren Sänger zur Linken und zur Rechten des Heiligtums, um der Priester Worte zu kommen­tieren oder mit der Liturgie fortzufahren, während die Priester das Weitere vorbereiten. Die Sprache variiert vom Altgriechischen (das Evangelium ist in dieser Sprache geschrieben) zum Neugriechischen für die Predigt, während Musik und Psalmen byzantinisch sind, kompo­niert im mittelalterlichen Griechenland. Beeindruckend ist die Art, wie die Symbolkraft der Auferstehung eng verwoben ist mit Mythen und historischen Tatsachen, die tief in Tradition und Brauchtum des Volkes verwurzelt sind. Dies erklärt die Vielfalt und den Reichtum der regionalen Bräuche in allen Landesteilen.

Heiliger Dienstag

Es war einmal, da Kaiser Theodosios im heiratsfähigen Alter alle unverheirateten Mädchen der besten Familien des byzantinischen Reiches einlud, um seine Braut zu wählen. Dazu gehörte auch Kassiani. Angezogen durch ihre Schönheit grüsste Theodosios mit diesen Worten: „Sei gegrüsst, Frau. Deines Geschlechtes ent­sprang das grösste Unglück.“ Er spielte auf Eva und den Sün­denfall an, um sie zu testen. Aber sie antwortete: „Auch alles Hervorra­gende“, und meinte Jesus Christus. Theodosios dachte vielleicht, sie sei zu intelligent für ihn, und heiratete eine andere. Kassiani wurde später Nonne. Sie schrieb Kirchenlitera­tur. Ihre geschätzte und berühmte „Tropario“‑Hymne, die heute abend gesun­gen wird, beginnt so: „Herr, die Frau, die viel gesündigt hat.“

Zu Hause, brennt bereits die kleine Öllampe, „Kantili“ genannt. Ihre blasse, flackernde Flamme erleuchtet die Ikone und wirft seltsame Schatten auf die Wand.

Heiliger Mittwoch

Sehr schwierig. Noch stärker eingeschränkte Auswahl an Essen, den heute und am Karfreitag ist zusätzlich das Öl verboten: Brot, Salat, Suppe ‑ gut für die Reinigung von Körper und Seele.

Es ist Wochenmitte. Judas wird noch einmal Christus verraten, irgendwann nach dem Abendmahl mit einem Kuss. Sein Name wird immer noch zur Bezeichnung eines Verräters verwendet. Normalerweise als Witz, begleitet der Ausdruck „er verriet ihn für 30 Silberlinge“ jeden privaten oder öffentlichen Tatbestand des Verrates und erinnert so daran, wie billig Verrat sein kann.

Auf der Insel Patmos wird das Abendmahl jedes Jahr öf­fentlich dargestellt. Zwölf Mönche mimen die Jünger und der Abt wäscht ihnen die Füsse in Erinnerung an Christi Akt der Demut.

Gründonnerstag

Die Kirche ist gefüllt mit Kindern, die in ihrem Sonntagsstaat frühmorgens das Abendmahl empfangen. Nach dem Gottesdienst beginnen in jedem Haushalt die Ostervorbereitungen mit dem Eierfärben. Die Symbolik ist einfach: Das Ei ist das neue Leben. Rot ist Blut ‑ das Christusopfer. Rote Farbe umfasst das Ei so wie Christi Tod die Saat des Lebens ‑ Wiedergeburt, Auferstehung.

Diese Symbole sind vorchristlich und fast universal. Einige Forscher bringen sie mit der Verehrung antiker Gottheiten, normalerweise Gottheiten der Fruchtbarkeit, andere mit dem jüdischen Osterfest in Beziehung. Aber populärer ist diese Überlieferung: Als Christus auferstanden war, konnte das niemand glauben. Eine Frau, welche die Botschaft hörte, schrie: „Können die Eier in meinem Korb rot werden?“ Und wie durch ein Wunder geschah dies.

Schoggiosterhasen aller Grössen, grosses, süsses Osterbrot, in der Mitte eingebacken ein rotes Ei und lange Wachskerzen geschmückt mit Schleifen oder Blumen sind überall ausgestellt. Die blenden­den Schaufenster verführen Alt und Jung. Leider ist in Griechenland aber auch dieses Jahr Schmalhans Küchenmeister. Das Einkaufsbudget wird jedes Jahr kleiner und kleiner – Rentenkürzungen, Lohnkürzungen und Arbeitslosigkeit führen dazu, dass sie viele Griechinnen und Griechen keinen reich geschmückten Ostertisch mehr leisten können.

An diesem Tag pflegen die Grossmütter ein Geschenk zu geben, eine lange, geschmückte Waxkerze für die Kirche.

Acht Uhr abends. Kaum ein Grieche, der heute nicht eine Kirche betritt. Die Stühle sind schon von alten Leuten besetzt, die als erste gekommen sind. Andere stehen hinten und in den Seiten­schiffen. Einige Frauen kommen mit einem kleinen Hocker. Um halb Neun, wenn die Läden schliessen, sind die Kirchen voll. Das Mittelschiff wird freigehalten. Die Messe wird einige Stunden dauern, aber ein Teil der Gemeinde wird vorher heimkehren und die Messe deutlicher und komfortabler über den Fernseher verfolgen.

Zwölf Ausschnitte aus den vier Evangelien werden rezitiert, es ist der Gottesdienst der „zwölf Evangelien“. Wir werden an Christus‘ Prozess teilnehmen und werden seine Kreuzi­gung mitverfolgen. Wie die Zuschauer einer antiken Tragödie sind wir tief beteiligt und werden uns bewusst, wie wichtig dieses göttliche Drama für unsere eigene Katharsis 1  ist. Purpurne und schwarze Schleifen hängen an den riesigen Kandelabern ‑ Farben der Trauer.

Nach dem „sechsten Evangelium“, in der Mitte des Gottesdienstes gehen ausser im Altarraum alle Lichter aus. Die Priester, die den gekreuzigten Christus halten, treten aus der Mittelpforte des Altarraums und während der Vorsänger singt: „Heute hängt er am Kreuz…“, durchqueren sie das Mittelschiff. Sie tragen das Kreuz so wie Christus es auf den Berge Golgatha getragen hat, gefolgt von anderen Priestern mit Weihrauchfässern. Messediener folgen. So machen sie die Runde, während die Gemeinde zusammenrückt, um der Prozession einen Weg zu bahnen. Die Lichter gehen wieder an und das Kreuz wird vor dem Altar aufgestellt, so dass jedermann sich verbeugen und es küssen kann. Die Luft ist voller Düfte und die süssen Melodie der Hymnen künden davon, dass dies Jahr für Jahr an Ostern seit der byzanti­nischen Zeit wiederholt wird. Wie können Leute Worte flüstern und Sätze empfinden, die vor etwa 2000 Jahren geschrie­ben wurden?

Eine schwierige Frage. Während der tür­kischen Besatzungszeit war die Heilige Schrift ein „Lesebuch“ für unzählige Generationen von Griechen. Die Passion machte den einfachen Leuten grossen Eindruck, da sie die Situation ihres täglichen Lebens mit der darin vorkommenden Ungerechtigkeit identifizierten. Die Umstände waren vergleichbar: besetztes Griechenland, besetztes Israel. Für die Griechen war Christus die Hoffnung auf Rettung im wörtlichen Sinn, so wie die Juden gehofft hatten, Er würde sie von den Römern befreien. Diese Hoffnung wurde am Leben gehalten, als die Priester Jahr für Jahr das Evangelium dramatisch rezitierten.

Und heute? Heute ist die Botschaft aktueller denn je: Sie macht den leidgeprüften Griechinnen und Griechen Hoffnung auf Rettung vor Krise, Niedergang fehlenden Perspektiven und Arbeitslosigkeit.

Es ist nicht so, dass jedermann alle Worte der Liturgie versteht. Aber durch Wiederholung, Unterweisung und durch das emotionale Gewicht, das sie tragen, haben sie sich in das Unterbewusstsein der Leute eingeprägt und wurden zu einem grossen Teil von der Gebrauchssprache assimiliert. Immerhin wurden die Evangelien in der zeitgenössischen gesprochenen Sprache ge­schrieben.

Karfreitag

Das ist der Tag Christi Begräbnis und deshalb ein heiliger Feiertag für die Griechisch‑orthodoxen. Man sagt, dass sogar der Himmel trauert, da es am Karfreitag oft regnet.

Läden und Büros sind den ganzen Morgen geschlossen. In den Kirchen schmücken Frauen Christi Sarg, den Epitaph: Natürlich mit Frühlingsblumen aller Arten, vor allem Rosen, Nelken und Lilien. Schon vor der Messe legen Leute Blumen oder einen Veilchenkranz zu Füssen des gekreu­zigten Christus nieder. Aber sie vergessen auch ihre toten Familienmitglieder nicht. In den Friedhöfen werden Gräber gewa­schen und durch die Angehörigen der Verstorbenen unterhalten. Die Priester werden gerufen, um Wünsche und Psalmen zu lesen, die den Seelen helfen sollen, Frieden zu finden.

Die Ostervorbereitungen werden unterbrochen, während das Fasten strikter ist denn je. Den ganzen Tag läuten die Glocken. Ein­dringlich, in kurzen Intervallen. Das Radio, wenigstens die staatlichen Stationen, spielen nur klassische und kirchliche Musik. Jedes Ereignis wird von Ruhe und Feierlichkeit begleitet. Das Begräbnis wird als Drama dargestellt: Der Priester ist Joseph von Arimathia. Mittels einer kleinen Leiter nimmt er Christus vom Kreuz und trägt ihn in den Altarraum. Währenddessen erklingt ein langes, erzählendes Gloria. Der Priester tritt wieder auf. In seiner Hand hat er das Bild von Christi Leib, das er respektvoll in den Epitaph legt. Das Grab wird mit Rosen‑ und Zitronenblüten besprengt. Die Gemeinde steht Schlange, um Ihn zu küssen. Die Schwachen oder Kranken knien nieder, um ‑ so der Volksglaube ‑ Stärke und Gesundheit wiederzugewinnen.

Wenn es einnachtet, weicht die Trauer der Erwartung. Die Lobrede, die in der Abendmesse gesungen wird, drückt die göttliche Passion aus. Sie findet aber in den menschlichen Gefühlen des Beklagens der Toten („Oh mein süsser Frühling, mein süsses Kind, wie ist Deine Schönheit versunken?“) und der Verherrlichung des gött­lichen Triumphes über das Böse eine Entsprechung. Dann folgt in jedem Dorf, in jeder Stadt des Landes die Epitaphiusprozession. Sie kombiniert Elemente einer Trauerprozession und einer Miltärparade. Die Honoratioren sind vertreten. Die Präsenz von Soldaten macht sie in den Städten besonders eindrucksvoll, wenn auch etwas pompös. Auf dem Lande ist sie einfacher und malerischer, wenn sie neben Feldern und blühenden Gärten oder, auf den Inseln, am Strand vorbeizieht. Aber so ist sie auch ihrer ursprünglichen Bedeutung näher: der Segnung der Erde und der Menschen durch die Darstellung von Christi Begräb­nis sowie der Todesaustreibung.

Trotzdem sind die wesentlichen Teile des Rituals überall etwa die Gleichen. Kirchendiener heben den Epitaph wie einen Sarg auf und tragen ihn durch die Menge, vorbei an Spalier stehenden Pfadfindern. Die lokale Musikkapelle geht mit einem Trommelwirbel voran. Mit den Priestern in ihren Prunkgewändern zu beiden Seiten bewegt sich die Prozession durch die Strassen der Kirchgemeinde. Der Verkehr wird angehalten. Die Menge folgt. Schatten können unter dem dunklen Himmel nicht ausgemacht werden, nur ein Strom gelber Lichter, das Glühen der Kerzen, die die Menschen tragen. Wie viele Familien ringsum beobachten auch wir jedes Jahr die Prozession von unserem Balkon aus oder mischen uns unter die Leute; auch wir tragen gelbe Kerzen. Im Herzen des Frühlings ist dies gleichzeitig eine trauervolle und magische Zeremonie, die an viel ältere Riten zur Ehre Gottes erinnert, dessen Präsenz mit dem Frühling selber identifiziert wurde.

Auferstehung

Die Traditionen sind nicht überall gleich und vor allem auf den Inseln sehr lebendig. Die Insulaner auf Korfu grüssen die ersten Vorboten des Frühlings am Morgen auf eigene Art: Wenn die Kirchenglocken fröhlich läuten und gute Wünsche bringen, werfen sie Keramikkrüge mit grossem Geklirre aus dem Fenster. Dieser Lärm ist Ausdruck der Freude und er scheucht auch die bösen Geister weg. Am Samstagmorgen ist auch der Exodus aus Athen in vollem Gange. Autos, vollgepackt mit Gepäck, Kindern, Grossmüttern, Haustieren, mit Fahrrädern auf dem Dach­träger, blockieren die Strassen. Wer aus einem Dorf oder von einer Insel stammt, fährt jetzt dorthin – wenn sich die Familie die Reise noch leisten kann, was oft nicht mehr der Fall ist. Jetzt fallen die letzten Vorbereitungen im Haushalt an und die letzten Einkäufe. Die Metzger und Gemüsehändler haben ihre Preise herabgesetzt, da es ihre letzte Chance ist, die Ware loszuwerden. Die Qualität ist schlecht. Das Beste ist schon verkauft.

Für die Bauern ist es Zeit, ihre Lämmer zu schlachten, Opfer der alten Tradition, die sie zur Hauptmahlzeit des Ostersonn­tags auserkoren hat. Teile der Innereien, vor allem die Leber, werden separat als Suppe ‑ genannt Magyritsa ‑ nach der Auferstehung um Mitternacht serviert. Trotz dieser Küchendüfte darf man diese österlichen Köstlichkeiten nicht früher anrühren. Es ist schwierig, die leuchtenden Ostereier in ihren Körbchen zu ignorieren, die frisch gebackenen Bisquits und die dampfende Suppe.

Man geht gleich zweimal in die Kirche: Zur Morgenmesse, wo Abendmahl genommen wird und zur Auferstehungsmesse, die um 23 Uhr anfängt und etwa bis um 2 Uhr morgens dauert. Anschliessend wird das Fasten gebrochen und die Magyritsa gegessen – oder etwas Lammfleisch und Ostereier wenn man Innereien nicht so mag.

Bis die meisten Leute kurz nach Mitternacht nach Hause gegangen sind, bleiben die meisten Leute draussen und hören die Messe über Laut­sprecher. Ist dies die Urform des Gefühls der Gemeinschaft mit Gott? Der Frühling ist in der Luft. Schon das bedeutet den Triumph Gottes über die Elemente der Natur. Vielleicht war es schon vor Tausenden von Jahren so, als die Menschen die Präsenz Gottes in der Natur suchten, aber diese Ur‑Empfindung ist ge­blieben. Sie bereichert die spirituelle Dimension unserer Reli­gion und beeinflusst die Gefühlswelt auch heute noch.

Ein Theologe wäre vielleicht mit dieser Analogie nicht einver­standen. Kurz vor Mitternacht wird es dunkel. Eine kleine, helle Flamme erscheint, und der Priester ruft: „Kommt und nehmt Licht vom nie endenden Licht!“ Er gibt mit seiner Kerze Feuer, und so wird die Flamme von Kerze zu Kerze weitergeleitet, bis alle brennen. Der Priester liest aus dem Evangelium und wie ein Aufschrei tönt es nach einigen Sekunden Pause aus aller Kehlen: „Christus ist aufer­standen von den Toten!“ Die Erde vibriert vom Schall explodie­render Knallkörper, während der Himmel vom Schein des Feuerwerks erleuchtet ist. Die Petarden machen den Lärm fast unausstehlich. Der Brauch, die Auferstehung mit Feuerwerk zu begleiten, hat seinen Ursprung in der grie­chischen Revolution von 1821, als die Aufständischen in Christi‘ Auferstehung einen Vorboten der nationalen Renaissance sahen und dies mit Pistolen‑ und Gewehrschüssen feierten.

Wie jedermann um uns, umarmen wir uns und sprechen Worte der Vergebung für alles Vergangene. Schliesslich „tütschen“ wir Eier und sagen wieder: „Christus ist auferstanden. Die Antwort ist: „Wirklich, er ist!“ Nur wenige Leute bleiben bis zum Ende der Messe und gehen gleich nach Hause zum Essen. Der Volksglaube besagt, dass das Zeichen des Kreuzes, das mit diesen Kerzen an der Türschwelle gemacht wird, Glück für den Rest des Jahres bringt.

Ostersonntag

Freundlich scheint die Sonne, und fröhliche Musik tönt aus allen Fenstern. Es ist der Tag, wo das Lamm am Spiess gebraten wird. Es braucht viel Geduld, bis das Fleisch gar ist, aber es lohnt sich! Das Fest findet im Familienverbund statt. Fröhliche Lacher, Tänzer, die einen Kreis bilden, während der Tisch gedeckt ist. Die Musik spielt, zur Not auch aus scheppernden Lautsprechern und das Gras biegt sich unter den rhythmischen Schritten des Tanzes.

Am Nachmittag findet noch eine kurze Vesper statt – wir bringen die dekorierte Kerze, die wir am Samstag in der Kirche getragen haben, zurück und lassen sie brennen.

Darf das krisengeprüften Land auch eine wirtschaftliche Auferstehung erwarten? Zweifel sind angebracht. Sicher ist, dass die Leidenszeit noch eine Weile weitergeht.

Bei dieser Gelegenheit wünsche ich Ihnen, geneigte Leserin, geneigter Leser dieses Blogs, frohe Ostern!

1           wörtlich übersetzt: Läuterung, Reinigung

Mangelnde Bereitschaft zu Reformen oder unmögliche Vorgaben? (12. März 2017)

An Griechenland scheiden sich nach wie vor die Geister: Während die eine Seite dem Land mangelnde Bereitschaft zur Umsetzung der Reformen vorwirft, begründet die andere Seite, warum die Reformprogramme selbst dann scheitern, wenn sie genau umgesetzt werden.

Für Deutschland ist es klar: In Irland, Spanien, Portugal und Zypern haben die Hilfsprogramme im ersten Anlauf gegriffen und die Länder sind heute aus dem Schneider und können wieder auf eigenen Beinen stehen – das heisst sich am Kapitalmarkt finanzieren. In Griechenland läuft aber schon das dritte Programm. Die meisten Aspekte, bei denen es in der dritten Darlehensvereinbarung geht, waren bereits Bestandteil des ersten und zweiten Programms, wurden aber nicht oder nur halbherzig umgesetzt. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft folgert deshalb messerscharf, dass die Ursache für das Andauern der Krise in Hellas die „mangelnde Bereitschaft zur Umsetzung der Reformen in der Politik und der Bevölkerung“ zu suchen sei.

Tatsächlich ist wieder Streit um die Umsetzung der Darlehensvereinbarung entbrannt. Griechenland bremst bei der Umsetzung der Reformen und die Geldgeber sind verstimmt; das Gespenst des Brexit geht wieder um. Noch hat man sich nicht gefunden. Die nächste grosse Tranche wird aber erst im Sommer zur Refinanzierung fällig. Verstimmung prägt auch das Verhältnis zwischen dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und den europäischen Geldgebern.

„Ich habe es nicht gelaked, aber ich bin nicht unglücklich, dass es geleaked wurde“

Auf der anderen Seite steht zum Beispiel Olivier Blanchard, bis 2015 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Im einer Präsentation hielt er 2010, zu Beginn der Laufzeit des ersten Programms, ganz klar fest, dass die vereinbarten Sparziele nicht zu erreichen seien und dass das vereinbarte Rettungsprogramm selbst dann scheitern werde, wenn Griechenland es ganz strikt umsetzen würde. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass die Geldgeber das Rettungsprogramm von allem Anfang an falsch aufgezogen haben und sich seither wie ein Arzt benehmen, der die falsche Medizin verschreibt und den Patienten dafür tadelt, dass es sie nur inkonsequent einnimmt.

Der Patient merkt, dass ihm die Medizin nicht gut tut und versucht, sich dieser zu verweigern; andere Ärzte sprechen sich gegen die Therapie aus und der Streit ist bis heute nicht beigelegt. Kürzlich ist die Präsentation von Blanchard an die Öffentlichkeit durchgesickert. Dem Ökonomen ist schon lange der Kragen geplatzt: „Ich habe es nicht geleaked, aber ich bin nicht unglücklich, dass es geleaked wurde“ twitterte er. Aus diesem Grund plädiert die Washingtoner Institution schon länger für einen Schuldenschnitt, aber verstärkte Strukturreformen. Die europäischen Geldgeber wollen das nicht. Seit dem kleinen Schuldenschnitt zulasten der Privatgläubiger vor drei Jahren, liegt der Grossteil der griechischen Staatsanleihen bei öffentlichen Gläubigern – vor allem bei der Europäischen Zentralbank und beim Europäischern Rettungsmechanismus. Und die Politiker wollen den Bürgern nicht sagen, dass dieses Geld verloren ist. Sie hoffen, dass sie nicht mehr im Amt sind, wenn der Tag der Wahrheit kommt. Dass gerade Deutschland selbst dann von den Rettungsprogrammen profitiert, wenn es alle Gelder vollständig abschreiben muss, habe ich in diesen Zeilen geschrieben. Aber in Deutschland schreiben die Medien vor allem davon, dass die Griechen auf Kosten der Deutschen leben – ein verzerrtes Bild.

Weltwirtschaftskrise 1929: Nach sieben Jahren war sie vorbei

Was ebenfalls gegen die Architekten der drei Darlehensvereinbarungen spricht, ist der Vergleich mit anderen Krisen. Bei der Weltwirtschaftskrise, die 1929 ausbrach, gerieten – zeitverschoben – Deutschland und die USA ebenfalls in eine Depression von vergleichbarem Ausmass – gemessen am Einbruch der Wirtschaftsleistung. Aber irgendwann war die Krise vorbei – obwohl man damals geldpolitisch noch weniger darüber wusste, wie mit solchen Krisen umzugehen ist. Im Jahr sieben nach Ausbruch der Krise war das Vorkrisenniveau praktisch wieder erreicht. Bei Griechenland ist es anders: Im Sommer sind es neun Jahre, seit die Krise einsetzte. Das Land stürzte ab – und blieb unten liegen. Die Wirtschaftsleistung ging stark zurück, aber für die Jahre 2015 und 2016 bewegte sich das Wirtschaftswachstum praktisch genau um die Nulllinie. Die Regierung prognostiziert für das laufende Jahr ein hohes Wachstum – woher sollen die Impulse dazu kommen? Ich denke, dass es wieder nichts wird damit. Im Moment wird wieder über die Umsetzung der Reformen im Rahmen der im Juli 2015 vereinbarten Darlehensvereinbarung verhandelt. Man wird sich wohl irgendwann finden und die Gelder, die erst im Sommer benötigt werden, sollten ausgezahlt werden. Kritisch wird das Jahr 2018. Die Darlehensvereinbarung sieht einen Primärüberschuss von nicht weniger als 3,5% der Wirtschaftsleistung vor. Gemäss IWF hat das noch kein Industrieland geschafft und ich frage mich, woher das Wirtschaftswachstum und die gleichzeitig gut sprudelnden Steuereinnahmen kommen sollen. Das Land wird als mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Ziele der dritten Darlehensvereinbarung wiederum verfehlen. Und dann wird eine weitere Darlehensvereinbarung folgen oder man wird endlich vernünftig und dem Land einen Schuldenerlass gewähren, der die Schulden auf ein nachhaltig tragbares Niveau drückt.

Alte Erkenntnis

Was diese Diskussion so schwer macht ist die Tatsache, dass die Griechen bisher immer vor allem diejenigen Reformen umsetzten, die zwar das Budget konsolidierten – Lohn und Rentenkürzungen – aber um die Strukturreformen, die Wachstum schaffen würden, einen grossen Bogen machten. Diese Reformen hätten zwar etwas geholfen, aber auf eigenen Beinen stehen könnte das Land trotzdem nicht. Das ist das, was uns die IWF-Studie lehrt. Und diese Erkenntnis ist schon sieben Jahre alt! Die Erkenntnisse der Kieler Studie lassen sich hingegen nicht begründen.

Vortrag: Die Krise in Griechenland – Chronik einer angekündigten Katastrophe

Am Donnerstag, 19. Januar 2017, 19.00 Uhr spricht Ihr Griechenlandblogger Daniel Funk zu obenstehendem Thema in der Aula der Schule für Gestaltung Bern und Biel Schänzlihalde 31, 3013 Bern.

Dia.Logos – der Verein zur Förderung der griechischen Sprache und Kultur  – lädt zu diesem Vortrag ein.

In Exkursen wird der Frage nachgegangen, in welchem Zeitpunkt die griechische wirtschaftliche Katastrophe angefangen hat: Mit der Euromitgliedschaft? Als Folge des Zweiten Weltkrieges? Oder war es ein Geburtsfehler des neugriechischen Staates? Dann wird die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung seit 1949 kurz nachgezeichnet und dargestellt, wie es zur Katastrophe kam und wie das Krisenmanagement seit Beginn der Krise funktionierte, respektive versagte.

ÖV ab Bern Bahnhof: Bus Linie 20 in Richtung WANKDORF BAHNHOF, bis Station GEWERBESCHULE.Eintritt:  Mitglieder Dia.Logos frei,  Andere: Fr. 15.00.   Kein Vorverkauf.