Daniel Funk's Griechenlandblog

Daniel Funk's Griechenlandblog über die Krise in Griechenland

Waldbrände: Die Sprachlosigkeit ihres Bloggers (Insel Euböa, August 2018)

Die diesjährigen Waldbrände mit ihrem enormen Blutzoll liessen ihren Blogger sprachlos zurück. Leider kann sich eine ähnliche Katastrophe früher oder später widerholen. 

Etwa hundert Tote. Kinder, die sich in der Stunde des Todes umarmen – die Grossen die Kleinen. Was kann man dazu sagen? Ich habe bisher ob der Katastrophe geschwiegen, raffe mich aber jetzt trotzdem zu einigen Worten auf. Verstörend an der ganzen Sache ist die Suche nach Sündenböcken, die Forderung nach Rücktritten und dann der Übergang zur Tagesordnung. Als wäre nichts geschehen. Bis zum nächsten Mal.

Die Feuerwehr ist aufgeschmissen
Der erste Waldbrand, der ausser Kontrolle geriet, war derjenige bei Kineta an der Strasse von Athen nach Korinth. Zu dieser Zeit Ende Juli herrschten Temperaturen von fast 40 Grad und praktisch Windstärke 10. Kurze Zeit nach dem Brandausbruch in Kineta brach auch der Brand in Ostattika aus, konzentriert vor allem um den Badeort Mati. Es war dieser Brand, der die vielen Todesopfer gefordert hat.
Warum war es so schwierig, ihn unter Kontrolle zu bringen?

  • Die Feuerwehr war in Kineta beschäftigt. Bis sie vor Ort in Mati war, dauerte es.
  • Durch die Windstärke und während der Nacht war der Gebrauch von Löschflugzeugen schwierig.
  • Normalerweise stoppen vierspurige Strassen und Autobahnen einen Waldbrand. Diesmal hat die Feuerwalze auch eine solche Breite des Windes wegen locker übersprungen.

Mit anderen Worten: Die Feuerwehr war aufgeschmissen.

Was könnte man tun? 
Ich habe hier schon darüber geschrieben, wie man urplötzlich fast oder ganz von einer Feuersbrunst betroffen ist. Das einzige, was schnell helfen kann, sind Feuerwachen oder aufmerksame Nachbarn. Gelingt es, das Feuer im Keim zu ersticken, ist der Schaden gering. Ist es einmal ausser Kontrolle geraten, wird es schwierig.
Früher hat man jeweils im Frühjahr, bevor es trocken wurde, die Wälder geputzt und von trockenem Reisig befreit. Das macht man heute kaum mehr – ein Grund mehr, wie sich die Feuer ausbreiten können.
Nach der Feuersbrunst in Mati gingen sofort die Spekulationen um die Brandursachen los und es wurden Rücktrittsforderungen laut. Das Übliche. In internationalen Medien wurde der Verdacht geäussert, es habe sich um Brandstiftung gehandelt.  Warum habe ich bis zum Beweis des Gegenteils Mühe, das zu glauben?
Bei der Brandkatastrophe vor 11 Jahren brannte etwa in zwanzigminütiger Entfernung von unserem Haus ein ganzer, bewaldeter aber unbebauter Hügel. Heute ist dieser teilweise überbaut – ein Schelm, wer Böses denkt. Bei Mati handelt es sich aber um eine parzellierte und stark überbaute Gegend: Kleine Häuser in den Bäumen und am Meer. Die Motivation für Brandstiftung fehlt also. Was aber dazu führte, dass die Katastrophe einen derart hohen Blutzoll forderte was eben die Tatsache, dass die Gegend überbaut ist und dass die Fluchtwege fehlen. Die Feuerwalze überrollte die Häuser derart schnell, dass Menschen regelrecht umzingelt wurden – Man stellt sich besser nicht das Verkehrschaos von flüchtenden Autos vor.
In Griechenland gibt es eine Verfassungsbestimmung, wonach das Meer frei zugänglich sein muss. Dieser wird aber ungenügend nachgelebt. In Mati gibt – oder besser: gab es viele Villen, die direkt am Meer liegen und die gegen die Strasse mit einem Zaun abgeschlossen sind. So war vielen Menschen auch der Weg an das rettende Meer versperrt.
Wir haben kürzlich im Dorfcafé mit Freunden aus der Gegend über diese Katastrophe gesprochen. Ein Gesprächsteilnehmer zückte das Smartphone und fand heraus, dass der griechische Staat jährlich 2 Milliarden Euro an Einnahmen aus der Legalisierung von illegalen Bauten einnimmt. Die Chance, dass er in Zukunft darauf verzichtet, ist verschwindend gering – es wird also weiterhin in brandgefährdeten, waldreichen Gegenden gebaut und das Haus nachher legalisiert.
Im Winter beklagte Griechenland die Flutkatastrophe von Mandra. Der Fluss, normalerweise ein Rinnsal, war zu einem reissenden Strom angeschwollen. So wie in Waldgegenden illegal erbaute Häuser nicht abgerissen werden, werden die Flussbetten nicht renaturiert. Niemand will sich unpopulär machen. Und sollte eine Regierung einmal tatsächlich ein solches Projekt in Angriff nehmen, würde die Opposition jeglicher Couleur das sofort ausnützen.
Die Katastrophe von Mati kann sich also widerholen.

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Ende des Rettungsprogramms, aber nicht Ende der Krise (19. Juli 2018)

Das dritte Rettungsprogramm für Griechenland läuft am 20. August aus. Damit enden die Rettungsmassnahmen, aber der Schuldenberg ist immer noch da und Griechenland hat sich zu Reformen verpflichtet, deren Umsetzung kontrolliert wird. Von einem echten Schuldenschnitt wollen die Gläubiger weiterhin nichts wissen.

Vor dem Beginn der Sommerferien haben die Finanzminister der Eurozone beschlossen, das dritte Rettungsprogramm für Griechenland seit 2010 im August auslaufen zu lassen. Sie beschlossen ausserdem, die Laufzeiten für die Kredite aus den vorderen Rettungsprogrammen um weitere zehn Jahre zu stunden.

Tsipras mit Krawatte

Bei seinem Amtsantritt anfangs 2015 hatte Ministerpräsident Alexis Tsipras angekündigt, so lange mit offenem Kragen aufzutreten, bis Griechenland aus der Krise findet. Nach dem Beschluss der Finanzminister band sich Tsipras nun eine Krawatte um und trat so vor die Presse. Problem gelöst?

In Athen gibt sich niemand der Illusion hin, dass die Krise endgültig gelöst ist. Der Schuldenberg ist nach wie vor da und Griechenland wird ihn auch nie abbauen können. Das ist allen Ökonomen klar; nur wollen die Gläubigerländer ihren Bürgerinnen und Bürger nach wie vor nicht reinen Wein einschenken. Man ist deshalb Hellas beim Schuldendienst stark entgegengekommen: Damit wird der Rucksack mit den Schulden weniger schwer, aber er ist immer noch da und muss weit in die Zukunft geschleppt werden. Das Ziel besteht jetzt darin, dass Griechenland den Schuldenberg ohne Hilfe von aussen stabil hält. Schon dieses Ziel ist ambitiös und verunmöglicht auf absehbare Zeit jegliche finanzielle Abenteuer. Bis 2022 muss Griechenland Primärüberschüsse (Haushaltüberschuss vor Zinsen und Rückzahlungen) von 3,5% des Bruttoinlandproduktes (BIP) erwirtschaften. In den letzten Jahren hat ausgerechnet die linksradikale Regierung von Ministerpräsident Tsipras das geschafft, was ich als praktisch nicht möglich erachtet hatte und was in der Wirtschaftsgeschichte auch kaum je praktiziert wurde. Auch später werden über viele Jahre Primärüberschüsse von etwa 2% des BIP’s nötig sein, um nur zu verhindern, dass der Schuldenberg wächst. Griechenland hat sich verpflichtet, bis 2060 (sic!) solche Überschüsse zu erwirtschaften und das auch kontrollieren zu lassen. Mit vierteljährlichen Inspektionen sorgen die europäischen Institutionen und der Internationale Währungsfonds zusätzlich dafür, dass Griechenland den Pfad der finanziellen Tugend nicht verlässt. Auch wenn sich Hellas nun wieder an den Finanzmärkten refinanzieren muss, behielten die Gläubiger ein wirkungsvolles Druckmittel in der Hand: Die Stundung der Zinszahlungen geschieht scheibchenweise und nur bei finanziellem Wohlverhalten. Ausserdem musste sich Athen dazu verpflichten, die Reformen der letzten Jahre nicht rückgängig zu machen.

Allerdings kann Griechenland auf ein finanzielles Polster von EUR 24 Mrd. zurückgreifen. Dieses Geld stammt grösstenteils aus nicht abgerufenen Geldern aus den drei Rettungsprogrammen. So kann das Land sich im Notfall ohne den Gang an die Finanzmärkte bis im Juni 2020 refinanzieren, falls die Märkte nicht gnädig gestimmt sind (über das aktuelle Geplänkel bei der Auszahlung dieser Kreditrate soll in einem gesonderten Blogbeitrag berichtet werden). Immerhin soll im Jahr 2023 überprüft werden, ob weitere Schuldenerleichterungen nötig sind. Jeder vernünftige Ökonom kommt nach Prüfung der wichtigsten makroökonomischen Daten zum Schluss, dass sie das zweifellos schon lange sind. Nur erbsenzählende deutsche Finanzminister scheinen das nicht zu verstehen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert eine solche Massnahme schon lange. Er versagte deshalb der vorliegenden Vereinbarung seine Anerkennung, macht aber bei den Kontrollbesuchen weiterhin mit.

Die Kahrseite der Medaille

Der Erfolg ist also höchstens ein halber. Das Rettungsprogramm ist beendet, aber die Inspektoren bleiben. Die Reformen dürfen nicht zurückgefahren werden und der Schuldenberg wird nur bei grösster finanzieller Disziplin nicht höher.

Und der Erfolg wurde erzielt zum Preise einer Wirtschaftskrise, die ihresgleichen sucht – länger und tiefer als die „grosse Depression“ der Dreissigerjahre, deren Schrecken mir nur aus den Geschichtsbüchern bekannt ist. Die Furcht vor den Konsequenzen einer solchen Depression liess mich diesen Blog beginnen, auf dass ich mir die Angst vor den Nebenwirkungen von der Seele schreiben kann!

Die Wirtschaftsleistung brach von ihren Höchststand im 2008 um einen guten Viertel ein. Die Arbeitslosigkeit erreichte Spitzenwerte von 30% und ist auch heuer mit 20% noch im tiefroten Bereich. Vor allem bei der Jugendarbeitslosigkeit sieht es bitter aus: Menschen, die nicht einer privilegierten Schicht angehören haben die Wahl, arm zu bleiben oder auszuwandern. Und so schrumpft in Griechenland nicht nur die Wirtschaftsleistung, sondern auch die Bevölkerung.

Die Reformen, die Griechenland durchführte, haben denn auch den Begriff Reformen nicht verdient: Sie beschränkten sich auf die Kürzung von Löhnen, Renten und Sozialleistungen sowie die Erhöhung der Steuern in den konfiskatorischen Bereich, was seinerseits die Binnennachfrage auf Talfahrt schickte, von der sich das Land noch eine Weile nicht erholen wird. Reformen, die Wachstum schaffen, die dem Privatsektor administrative Erleichterung und Rechtssicherheit verschaffen und die hochwertige Arbeitsplätze kreieren, sind nur in Ansätzen vorhanden.

Was wäre, wenn?

Der griechische Zentralbankchef Ioannis Stournaras schrieb kürzlich, dass kein Land der Erde, vielleicht mit Ausnahme einiger erdölproduzierender Länder, über einen derart langen Zeitraum derart hohe Primärüberschüsse erzielt hat, wie das jetzt für Griechenland vereinbart wurde. Im Klaratext bedeutet das: Wenn die europäischen Politiker meinen, Griechenland sei jetzt definitiv weg von der Tagesordnung, dann machen sie sich etwas vor. Auch wenn Griechenland finanziell alles richtig macht, bleibt die Lage auf des Messers Schneide, so, dass exogene Schocks das Land sehr schnell wieder in die Krise stürzen können. Man stelle sich einen bedeutenden Zinsanstieg vor, oder dass die italienischen Schulden der EU um die Ohren fliegen. Politische Instabilität, nachlassende finanzielle Disziplin, name it. Die Risikozuschläge steigen, Italien braucht ein Rettungsprogramm, gegenüber dessen das griechische wie ein Zwerg aussieht. Im Gefolge macht sich an den Finanzmärkten wieder Panik breit und die Risikozuschläge steigen auch für griechische Anleihen. Die Konsequenzen dieses Szenarios kann sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser, selber ausmalen.

Am Ende des Tunnels? (6. Juni 2018)

Griechenland wächst wieder, konsolidiert seinen Haushalt und das Reformprogramm läuft im Sommer aus. Kann sich das Land wieder aus eigener Kraft finanzieren? Verbessern sich nun auch die Lebensverhältnisse der Menschen?

In einer in diesem Frühling veröffentlichten Studie stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest, dass Griechenland wieder wächst – im Jahr 2017 mit 1,3%. Gemäss dieser Organisation dürfte sich diese Entwicklung 2018 und 2019 beschleunigen mit Zuwächsen des Bruttoinlandproduktes (BIP) von über 2%. Auch bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen macht Hellas riesige Fortschritte, hat das Land doch 2016 und 2017 Primärüberschüsse von 3,5% des BIP erwirtschaftet – nota bene ganz deutlich mehr als mit den Geldgebern vereinbart. Dieses Jahr wird ein noch höherer Primärüberschuss (Überschuss der Staatsrechnung vor Zinsen und Amortisationen) in der Grössenordnung von 3,7% erwartet.

Diese schönen Entwicklungen sind aus verschiedenen Gründen bemerkenswert.

Nachhaltiges Wirtschaftswachstum

Einerseits ist es positiv, dass sich das jetzige Wirtschaftswachstum stärker auf die Exporte stützt und weniger auf den Konsum wie in der Vergangenheit. Während die Exporte vor 10 Jahren 24% am BIP betrugen, sind es nun 34%. Sicher ist ein Wirtschaftswachstum, das durch Konsum und auf Pump befeuert wird, wie das griechische in der Vergangenheit, ein Strohfeuer und es ist gut, dass das Land nun davon Abstand nimmt. Allerdings hat Hellas einen sehr hohen Preis für die wiedergewonnene Wettbewerbsfähigkeit bezahlt. Diese wurde nicht durch Rationalisierungen und Investitionen erreicht, sondern durch für die Betroffenen brutale Lohnkürzungen. Bei praktisch gleich bleibenden Lebenshaltungskosten müssen viele Menschen mit Monatslöhnen von 400 bis 700 Euro überleben. 1000 Euro gelten als ein schöner Monatslohn.

Haushaltskonsolidierung für die Menschen brutal

In Bezug auf die Haushaltskonsolidierung muss man erstens klar festhalten, dass diese an sich schon extrem ambitiösen Ziele ausgerechnet von einer unerfahrenen Regierung der radikalen Linken übererfüllt wurden. Das Land, das noch vor drei Jahren finanziell als schwarzes Schaf galt, mausert sich zum Musterschüler. Diese Entwicklung stellt allen Vorgängerregierungen seit der Wiedererlangung der Demokratie 1974 ein wirtschaftliches Unfähigkeitszeugnis aus.

Zweitens muss man sagen, dass diese Konsolidierung wie das Wachstum auf dem Buckel der Menschen erreicht wurde. Der Regierung gelang, was keiner Vorgängerregierung gelang: Sei es weil der Wille fehlte, sei es aus Unfähigkeit, Steuerhinterziehung war endemisch.

Im Frühling, als ich auf unserer Insel beim Haus zum Rechten sah, ging ich auch bei der Strandbar vorbei. Diese war offen, der Strand aber ausgestorben. Ich mag es barfuss über den langen Strand zu gehen, die Sonne zu geniessen und einen griechischen Kaffee zu schlürfen. Als ich diesen bezahlen wolle, hatte ich kaum Münz.

„Haben Sie Karten?“ fragte die Frau an der Bar.

Ich hatte und zahlte bargeldlos. Damit war es nicht möglich, meinen Kaffee nicht zu tippen und das Geld an der Steuer vorbeizuschmuggeln. Das wäre noch vor drei Jahren undenkbar gewesen. Griechenland war bis vor einigen Jahren praktisch komplett eine Bargeldwirtschaft. Nun gibt es seit dem Beinahezusammenbruch im Juli 2015 Kapitalkontrollen und strenge Bezugslimiten auf den Banken. Die Menschen sind also gezwungen, auf Karten auszuweichen und die Geschäfte müssen diese auch akzeptieren, weil ihnen die Regierung ihnen das Bargeld austrocknet. Allerdings verfangen sind in diesem Netzt immer noch vor allem die kleinen Fische, die grossen lässt man immer noch laufen. Ärzte, die keine Quittungen geben und auf Bargeldzahlung bestehen, werden nach wie vor kaum belangt. Dafür verfügt Griechenland kombiniert mit den Sozialversicherungsabgaben über Steuersätze, die in Europa rekordverdächtig sind. Der Anteil der Steuereinnahmen am BIP bleibt aber verhältnismässig niedrig. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Steuerhinterziehung nach wie vor alltäglich ist. Und wie muss es vor einigen Jahren gewesen sein… In einem einigermassen steuerehrlichen Umfeld könnten die Sätze deutlich gesenkt werden. Zusätzlich gibt es nach wie vor Sondersätze in Branchen, wo man es nicht vermuten würde und wo es volkwirtschaftlich ineffizient ist: Dass es Sondersätze für die Hotellerie gibt, mag noch angehen und kommt auch in anderen Ländern – sprich: in der Schweiz – vor. Dass aber Casinos und Wettfirmen sowie die qualitativ jämmerlichen Privatfernsehstationen Steurrabatte geniessen, kann man einem unter der Steuerlast ächzenden Kleinunternehmer oder Freiberufler nicht erklären.

Ausblick

Ende Juni soll Griechenland anlässlich des Treffens der Eurogruppe die letzte Kredittranche erhalten. Dann muss das Land seine Schulden wieder an den Kapitalmärkten refinanzieren. Ob das gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Erstens könnte ein beschleunigtes Wachstum dazu führen, dass der Schuldenberg leichter zu finanzieren ist. Es müsste also nachhaltiges Wachstum erzielt werden.

Ganz schlecht ist aber zweitens Unsicherheit: Sollten Ereignisse in Italien dazu führen, dass die Risikozuschläge wieder steigern, würde das eventuell dazu führen, dass sie das auch in Griechenland tun und dass das Land wieder Finanzierungshilfe braucht.

Und drittens sagt jeder vernünftige Ökonom, dass die Staatsschulden Griechenlands nach wie vor nicht finanzierbar sind. Der Schuldenberg ist schlicht zu gross. Dieshalb haben die Märkte weitgehend einen Schuldenschnitt akzeptiert. Dass eine gewisse Reduktion der Schulden nötig ist, das wissen auch die Gläubiger. Aber über das „wie“ besteht nach wie vor keine Einigkeit. Sollte dieser Schuldenschnitt wie bisher auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden, kann das wiederum zu Unsicherheit führen und wegen des hohen Schuldenstandes kann selbst ein geringer Zinsanstieg dazu führen, dass Griechenland Hilfe braucht.

 

 

Unverhoffte Frühlingsüberraschung (2. Mai 2018)

Eine griechische Studie zeigt klar, woher künftig nachhaltiges Wachstum des Landes kommen muss. Immer noch wird aber ausgeblendet, dass Korruption, Bestechung und sinnlose und komplizierte Regeln, die dann umgehend gebrochen werden, erstklassige Wachstumsbremsen sind.

Die Frühlingsüberraschung kam für uns in Form einer Steuergutschrift. Plötzlich teilte uns die griechische Steuerverwaltung mit, wir hätten einen erklecklichen Betrag zugute und dieser traf dann auch umgehend auf unserem Konto in Athen ein.

Nach längerem Raten kamen wir darauf, was wohl der Grund dafür ist. Meine Frau hat vor einigen Jahren für eine kürzere Zeitspanne wieder in Griechenland gearbeitet. Dabei wurde ihr Quellensteuer abgezogen. Da wir uns damals in einer tiefen Steuerklasse befanden wussten wir, dass wir einen grossen Teil des abgezogenen Betrages wieder zugute haben. Die Steuerkommissärin wollte uns deshalb mehrmals treffen. Sie bedeutete uns, dass sie uns bei dieser Steuerrückforderung helfen könnte, dass das aber kompliziert sei. Wir verstanden ziemlich schnell, dass ein gutes Trinkgeld das beschleunigen würde, sind aber nicht darauf eingetreten. Darauf wurden neue Hindernisse aufgebaut. Wir liessen die Sache dann auf sich beruhen und vergassen den Fall. Offensichtlich war die Gutschrift aber in den Systemen der Steuerverwaltung registriert und konnte nur durch Auszahlung ausgeglichen werden. Irgendwann musste dann die Beamtin einsehen, dass es da nichts an Schmiergeldern zu holen gibt und die Steuerverwaltung zahlte den Betrag zurück.

„λάδωμα“, „παραθυράκια“ und „γρηγορόσημο“

Solche Praktiken sind in Griechenland alltäglich. Beschleunigungszahlungen („γριγορόσιμο“) und Schmiergelder („λάδωμα“) sind im ganzen öffentlichen Sektor allgegenwärtig und den Beamten und Steuerkommissärinnen fehlt bis heute jegliches Unrechtsbewusstsein. Und dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen würden, wäre mir neu.

Ein zweites Beispiel: Eigentlich wäre es für mich sinnvoll, ein Auto mit griechischem Kennzeichen zu fahren, denn wir sind oft in Hellas. Ich fahre aber mit einem in der Schweiz gemeldeten Fahrzeug hin und her. Finanziell würde sich die Lösung mit dem griechischen Kennzeichen wohl lohnen. Der einzige Grund, warum ich es nicht tue, besteht in der Tatsache, dass ich mich nicht zusätzlich mit der griechischen Bürokratie beschäftigen will. Damit entgehen dem dortigen Fiskus natürlich Einnahmen.

Vor einigen Jahren wollten wir uns im antiken Theater von Epidaurus eine Freilicht- Theateraufführung ansehen. Neben dem Theater befindet sich in den Bäumen ein Hotel mit lauschigem Restaurant, wo wir uns vor der Vorstellung eine Mahlzeit genehmigten. Beim anschliessenden Gang auf die Toilette stellte ich fest, dass das stille Örtchen der Herren sehr schnelle Erleichterung versprach, während sich vor demjenigen der Damen eine lange Schlange gebildet hatte. Ich ging an den vornehmen Damen in langen Kleidern vorbei zu den Herren, wo krawattentragende Männer in rascher Abfolge kamen und gingen. Beim obligaten Händewaschen schaute ich mich um. Neben mir stand eine mit einem Brillantencollier geschmückte Dame, die sich ebenfalls die Hände wusch…

Auch mit dem Einhalten von Regeln ist es in Griechenland also so eine Sache. Gesetze sind extrem kompliziert formuliert und die Regeln oft unklar und kaum praktikabel. Anstatt die Gesetze zu entrümpeln, toleriert es der griechische Staat, dass Regeln oft nicht eingehalten oder gedehnt werden, wenn es in den Kram passt oder – siehe obiges Beispiel – schnell gehen muss. Oft baut er Möglichkeiten dazu gleich selber ein. Fensterchen, nennt man das auf Griechisch – „παραθυράκια“.

Die Griechinnen und Griechen haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, mit diesen grossen und kleinen Phänomenen umzugehen. Ich las einmal in einem internationalen Bericht über Korruption, ein Drittel der Griechen hätten schon einmal Schmiergelder gezahlt. Ich behaupte: es sind annähernd 100%! Aber bei ausländischen Investoren sind solche Dinge je länger je mehr verboten und verpönt. Diese Praktiken sind also ein echter Hinderungsgrund für ausländische Investitionen, die Griechenland bitter nötig hat. Die linksradikale Regierung von Alexis Tispras hat grosse Fortschritte in der Bekämpfung der Steuerhinterziehung erzielt. Es geht also. Warum passiert bei Korruption und Bestechung nichts?

Das neue Wachstumsmodell

Im letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass bislang griechische Regierungen jeglicher Couleur die Wirtschaft immer dadurch gefördert haben, indem sie staatliche Gelder in den Privatkonsum geleitet haben – meist auf Pump. Die zweite Methode bestand darin, die Aufnahme von Darlehen zu erleichtern, die dann auch umgehend konsumiert oder in Fahrzeuge oder Immobilien investiert wurden. Die Zahlungsbilanz war hingegen chronisch defizitär. Wäre das Land nicht der Eurozone beigetreten, wäre hier früher ein Kurswechsel in Form einer Abwertung erzwungen wurden. Wurde privat investiert, dann sind diese Gelder meist in Wohnungen und Fahrzeuge geflossen, aber kaum je in produktive Sektoren. Heute drücken die Staatsschulden und die notleidenden Darlehen liegen zentnerschwer auf den Bankbilanzen. Beim Aussenhandel geht es hingegen heute besser: Die Lohnkürzungen haben das Land in vielen Bereichen wieder kompetitiv gemacht – aber zu welchem Preis?

Eine Studie des griechischen Wirtschafts- und Industrieforschungsinstituts IOBE kommt nun zum Schluss, dass hier ein kompletter Paradigmawechsel vonnöten ist. Die Studie zeigt klar, dass die Voraussetzung für einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung darin besteht, die strukturellen Schwächen aus der Vorkrisenzeit endlich anzugehen und zu beseitigen. In diesen Spalten habe ich mehrmals gezeigt, dass genau diese Schwächen beim Design der Reformprogramme unbeachtet geblieben sind. Genau zum gleichen Schluss kommt nun das IOBE.

Das Institut schlägt vor, dass das zukünftige Wachstumsmodell Griechenlands auf drei Säulen ruht.

  • Der Konsum soll gedrosselt werden,
  • die Privatinvestitionen sollen gefördert werden und
  • Hellas soll verstärkt auf Exporte setzen.

Nach dem riesigen, krisenbedingten Einbruch des Privatkonsums wird ein weiteres Engerschnallen des Gürtels kaum zu machen sein. Die anderen beiden Bereiche sind hingegen entschieden richtig. Finanziert werden kann das Modell aber nicht mehr lediglich durch Bankkredite. Eine grosse Rolle spielen müssen ausländische Direktinvestitionen, Börseneinführungen und die Diversifikation von bestehenden kleinen und mittleren Unternehmen in höherwertige Produkte spielen. In Bezug auf die Branchen, die in Griechenland Zukunft haben, gibt es nicht nur beim schon heute gut laufenden Tourismus Potenzial.

Die Griechinnen und Griechen sind ein fernsehverrücktes Volk. Aber anstatt dass die Medienpolitik einer klaren Strategie folgt und einheimisches Schaffen fördert, setzen die vielen Privatsender vor allem auf billig eingekaufte, notdürftig untertitelte türkische Serien. Dabei hätte das Land doch der Filmindustrie soviel zu bieten: Inseln, Kulturdenkmäler, Naturlandschaften – das ist es doch, was die Drehbuchautoren als Kulissen brauchen. Nur müsste man es ihnen schmackhaft machen.

Rund um den Logistikbereich können viele gute Unternehmen wachsen und gedeihen – wenn der Staat sie lässt. Schon jetzt ist die chinesische COSCO daran, den Hafen von Piräus auf Vordermann zu trimmen und in Konkurrenz zu Antwerpen und Hamburg zu einem Eingangstor für chinesische Produkte zu trimmen. Die Produkte werden dann ab Piräus mit der Eisenbahn in Europa verteilt, was einen bedeutenden Gewinn an Zeit und Geld darstellt. Diese Branche bildet sich rings um die Schifffahrt, ein traditionelles Standbein der griechischen Wirtschaft und etwas, worin die Griechen richtig gut sind.

Spät, aber immerhin: Griechenland macht sich jetzt Gedanken darüber, woher das künftige Wachstum kommen soll.

 

„Die ganze Geschichte“ oder „Game over“? (5. April 2018)

Ioannis Varoufakis und Georgios Papakonstantinou, wichtige Akteure in der Griechenlandkrise, veröffentlichen ihre Memoiren und geben wichtige, wenn auch gegensätzliche Einblicke in deren Management.

Ioannis Varoufakis war im Jahr 2015 vom Januar bis zum Referendum im Juli ein knappes halbes Jahr griechischer Finanzminister der ersten Regierung von SYRIZA, der Partei der Radikalen Linken, die nach den Wahlen vom Januar 2015 die Regierungsgeschäfte übernahm. Georgios Papakonstantinou hingegen war vom Herbst 2009 bis Juni 2011 Finanzminister in der Regierung der sozialdemokratischen PASOK von Ministerpräsident Georgios Papandreou.

„Die ganze Geschichte“

Die Narrative der beiden Ökonomen gehen so: Varoufakis schreibt ein spannendes Buch über das Innenleben der Eurogruppe. Gespickt mit vielen Zitaten von prominenten Politikern, die er teils geheim mit dem Mobiltelefon aufgenommen hatte, erlaubt sein Buch einen lebendigen Einblick in die innersten Zirkel der Macht und der Entscheidgremien. Aber ist das Buch wirklich „Die ganze Geschichte“, wie sein Titel suggeriert?

Der Ökonomieprofessor Varoufakis teilt die Welt in gut und böse ein. Die Bösen sind klar in Deutschland und Brüssel zu suchen: Angela Merkel tituliert er als „böse, gerissen und machthungrig“, während Wolfgang Schäuble die Rolle des Blockadekönigs innehat. Mit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker geht Varoufakis nicht ganz so hart ins Gericht, aber er wirft ihm vor, die Griechenlandkredite als Akt der Solidarität verkauft zu haben, während sie in Tat und Wahrheit vor allem den Gläubiger Griechenlands halfen, damit diese die Forderungen nicht abschreiben mussten.

Varoufakis sieht die Genese der Griechenlandkrise in der allgemeinen Finanzkrise, wo der Kollaps der Wall-Street-Banken zu einer allgemeinen Kreditklemme führte, wodurch wiederum Griechenland seine Schulden plötzlich nicht mehr refinanzieren konnte, was im März 2010 zur Pleite führte. Dies stimmt schon rein chronologisch nicht, denn im Jahr 2008 stiegen die Rohölpreise ins unermessliche, was Griechenlands fragiles Wachstum abwürgte und das Land schon vor dem Ausbruch der allgemeinen Finanzkrise in die Rezession stürzte. Ich habe hier ausführlicher darüber berichtet. Die Tatsache, dass die Krise in Griechenland weitgehend hausgemacht ist, hat nicht nur Varoufakis nicht ganz verstanden. Auch in der griechischen Öffentlichkeit und bei privaten Gesprächen dominieren heute noch Verschwörungstheorien und eine ungute Opferhaltung.

Anschliessend argumentiert Varoufakis überzeugender: Er legt dar, dass man einem Bankrotteur nicht neue Kredite aufzwingen sollte, die er sowieso nicht bedienen kann. Er zeigt, dass die einzige richtige Remedur ein harter Schuldenschnitt wäre. Auch das habe ich in diesen Zeilen zur Genüge beschrieben.

Am Besten weg kommt im Buch IMF-Chefin Christine Lagarde. Sie sei „vernünftig und gesprächsbereit“ gewesen, habe aber Varoufakis bedeutet, dass die Geldgeber schon zuviel in das Programm investiert haben und nun nicht mehr zurück können. Den Geldgebern wirft Varoufakis weiter vor, dass sie ihn nicht angemessen in seinem Kampf gegeben die Steuerhinterziehung unterstützt hätten.

Auch Ministerpräsident Alexis Tsipras kommt nicht ungeschoren davon: Der Regierungschef fürchtete gemäss Varoufakis einen Staatsstreich und unterschrieb Darlehensvereinbarungen, die schlechter und schlechter wurden.

Was ist von dieser Analyse zu halten: Nebst dem wohl stimmigen Blick hinter die Kulissen und der überzeugenden Begründung der Notwendigkeit eines Schuldenschnittes hat die Analyse drei Schwachpunkte:

  • Dass Griechenland nicht das unschuldige Opfer einer allgemeinen Krise war, habe ich hier schon mehrmals begründet.
  • Zusätzlich sagt Varoufakis nicht klar, was nach einem allfälligen Schuldenschnitt kommen soll. Hier müsste er aber ansetzen, denn man kann keinen Gläubiger davon überzeugen, auf seine Forderungen zu verzichten, wenn man keinen Plan für danach hat. Ich vermute stark, dass man nach einem solchen Forderungsverzicht wiederum stark durch öffentliche Ausgaben den Binnenkonsum stimuliert und so Wachstum erzeugt hätte – auf Pump natürlich und unter Verletzung der Regeln der Eurozone.
  • Der grösste Schwachpunkt ist aber folgender: Warum auch immer – Griechenland ist Mitglied der Eurozone. Das bedeutet auch, dass das Land sich an die gemeinsamen Regeln halten muss, was es aber oft nicht getan hat. Beharren dann die Partner auf Disziplin, hat Griechenland in diesem Poker schlechte Karten. Auch eine schlechte Einigung war besser als gar keine Einigung, weil sonst ein ungeordneter Grexit gedroht hätte. Warum wäre das ein Problem? Oft wird Griechenland in diesem Zusammenhang mit Argentinien verglichen. Der Vergleich ist aber schief weil Argentinien zur Zeit der Pleite einen Primärüberschuss erwirtschaftete und eine eigene Währung hatte. Das Land konnte also mit anderen Worten die laufenden Ausgaben aus den laufenden Einnahmen bestreiten und das Bankensystem mit eigens geschaffener Liquidität fluten. Dieser Weg war Griechenland verschlossen. Dass in der Krise eine eigene Währung buchstäblich Gold Wert ist, habe ich hier ausführlich begründet. In Griechenland wäre es 2015 zu Bankenzusammenbrüchen und eventuell sogar zu einem Staatsstreich und Bürgerkrieg gekommen. Das hat Ministerpräsident Tsipras im letzten Moment verstanden und er unterschrieb. Kann man ihn dafür tadeln?

„Game over“

Georgios Papakonstantinou ist im Ausland viel weniger bekannt, aber ein äusserst bedeutsamer Akteur in der Finanzkrise. Sein Buch kommt viel weniger süffig daher, bietet aber eine aufschlussreiche Sicht, vor allem auf die unmögliche Situation, in der sich die Regierung von Ministerpräsident Georgios Papandreou befand.

Der Titel des Buches beschreibt wohl, dass es für Griechenland kein Zurück zu den Zuständen vor der Krise gibt, dass also das Wachstum und der Weg aus der Krise nicht auf Pump und vom Staat kommen können. Und das ist schon eine sehr wichtige Einsicht.

Papakonstantinou war derjenige, der aufdeckte, dass die guten Wirtschaftszahlen der konservativen Vorgängerregierung falsch waren, der die Löhne und Renten kürzte und der die Steuern ins Unermessliche erhöhte.

Papakonstantinou zeigt überzeugend, dass seine Regierung in einer unmöglichen Situation war, dass es nur darum ging, die am wenigsten schlechte Lösung zu wählen und dass so ein vollständiger Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft und des Staates verhindert wurde – was nicht wenig ist.

Er zeigt, wozu Varoufakis die Einsicht fehlt: Dass damals Hellas ein Primärdefizit von 24 Milliarden Euro hatte und selbst bei einem grosszügigen Schuldenschnitt und der Durchfinanzierung der Banken auf sofortige neue Kredite angewiesen war. Ihm war damals bewusst, dass das Land nicht einmal die laufenden Ausgaben mit den laufenden Einnahmen bestreiten konnte. Er entlarvt auch die Behauptung von Varoufakis, die Eurogruppe habe die Bekämpfung der Steuerhinterziehung nicht unterstützt, als „Unsinn.“

Auch bei der Charakterisierung der handelnden Personen geht Papakonstantinou bedeutend behutsamer vor. Er betont zwar, dass die grösste europäische Volkswirtschaft der Eurogruppe ihren Willen aufzwingt, bezeichnet das aber ausdrücklich nicht als Diktatur, sondern als eine Frage der Machtverhältnisse. Er anerkennt aber auch, dass selbst Angela Merkel ihre roten Linien überschritten hat. Denn einen Bailout, also eine Darlehensgarantie für verschuldete Staaten hatte sie vorher ausgeschlossen.

Papakonstantinou sagt, wohl auf Varoufakis gemünzt, es sei leicht, post festum zu urteilen und zu sagen, es habe bessere Lösungen zu geben. „Es gab keine besseren Lösungen“, stellt er lapidar fest. Das ist auch meine Überzeugung.

Trotzdem ein paar Randbemerkungen.

Es war seine sozialdemokratische PASOK, die im Wahlkampf von 2009 den Menschen das Blaue vom Himmel herab versprach. „Geld ist vorhanden“, sagte der Ministerpräsident in spe, Georgios Papandreou. Mir war schon damals klar, dass das nicht stimmen konnte und ich vermutete, dass die Zahlen der konservativen Regierung nicht stimmten, weil sie einfach nicht aufgingen. Man hätte also die kreative Buchhaltung aufdecken sollen, im Wahlkampf zum Thema machen müssen und den Leuten „Schweiss, Blut und Tränen“ versprechen müssen. Dann hätte die PASOK die Wahlen verloren und die konservative Vorgängerregierung hätte die Suppe, die sie gekocht hat, selber auslöffeln müssen. Es ist für mich völlig verständlich, dass die Menschen die PASOK abstraften, so dass sie heute nur noch ein Mauerblümchendasein fristet.

Weiter verstehe ich nicht, warum die griechische Regierung die Kürzungen und Steuererhöhungen so gestaltete, dass sie jedes Wachstum abwürgten. Anstatt horizontal Löhne zu kürzen, hätte man vielleicht stärker gezielt bei den hohen Löhnen ansetzen können und den staatlichen Sektor abbauen müssen, während dieser im Grundsatz bis heute immer noch viel zu gross und zu ineffizient ist. Die strukturellen Probleme wurden also nicht angetastet.

Ich fahre oft mit dem Auto mit der Fähre von Griechenland nach Italien und dann weiter in die Schweiz. Vor der Krise tankte ich immer nochmals in Patras und versuchte dann, mit einer Füllung durch Italien zu kommen. Tempi passati. Griechenland ging in einem Schritt von den billigsten Benzinpreisen Europas zu den teuersten über. Dass das dem Wachstum nicht gut bekam, versteht sich von selbst. Innerhalb Athens konnte man während der Krise Strecken, die früher eine Stunde gedauert hatte, in gut 10 Minuten fahren. Hätte es nicht Möglichkeiten gegeben, die Steuererhöhungen so zu gestalten, dass sie den Binnenkonsum schonten?

Und schliesslich bin ich überzeugt, dass auch die PASOK-Regierung es nicht wirklich ernst meinte mit dem Kampf gegen die Steuerhinterziehung. Erst mit der heutigen Regierung, die die Leute zum bargeldlosen Zahlungsverkehr zwingt, gibt es hier Fortschritte.

Varoufakis und Papakonstantinou – zwei Ökonomen, zwei Finanzminister, zwei Schicksale. Während der erste mit Vorträgen um die Welt tingelt und seine kurze Zeit im Amt vergoldet, ist der zweite verfemt. Seine Partei schloss ihn aus, benutzte ihn als Sündenbock, liess Intrigen gegen ihn zu und entzog ihm die Unterstützung, als es zum Prozess gegen ihn kam und er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Die Gründe, warum er verurteilt wurde, sind meines Erachtens nicht stichhaltig. Was den Ausschlag gab war die Tatsache, dass es sich bei Papakonstantinou um einen Aussenseiter in der griechischen Politik handelte. Gerade die Intrigen des erfolglosen aber redegewandten Nachfolgers im Amt des Finanzministers, Evangelos Venizelos, zeigen zur Osterzeit, wie billig Verrat sein kann.

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GAME OVER – Griechenland in der Krise: Der Insiderbericht; Giorgos Papakonstantinou / dt. von Jens Bastian; Kolchis Verlag 2017. 444 Seiten. ISBN 978-3-9524498-7-5

 

Die Sprengung eines Währungsraums

Historische Beispiele zeigen, dass politische und wirtschaftspolitische Differenzen einen Währungsraum sprengen können. Um das zu verhindern oder einen solchen Prozess in geordnete Bahnen zu lenken braucht es pragmatisches Handeln und nicht das Beharren auf Prinzipien. Das Beispiel der Tschechoslowakei ist hier charakteristisch.

Während der ganzen Krise waren sich Griechenland und seine Partner uneinig, wie dieser Krise zu begegnen sei. Dies hätte im Juli 2015 fast zum chaotischen Austritt Griechenlands aus der Eurozone geführt.

1918 brach das österreichisch-ungarische Kaiserreich auseinander. Einer der Nachfolgestaaten führte sehr schnell eine neue Währung ein, die Krone. Die tschechischen Ökonomen hatten diesen Schritt so geschickt vorbereitet, dass weder Inflation noch Deflation entstand. 1993 trennten sich die Tschechen und die Slowaken. Beim Entscheid, zwei Länder zu bilden waren Differenzen über die Wirtschaftspolitik ein wichtiger Faktor. Zum Glück sind beide Länder heute erfolgreiche Volkswirtschaften – wenn sie auch auf unterschiedlichen Wegen zum Erfolg gekommen sind.

Nach der politischen Wende von 1989 gab es in der Tschechoslowakei Differenzen über das richtige Vorgehen beim Übergang zur Marktwirtschaft. Der tschechoslowakische Finanzminister Václav Klaus wollte schnell und radikal privatisieren, während viele slowakische Politiker Massenarbeitslosigkeit fürchteten.

Klaus siegte im tschechischen Teil bei den Wahlen im Juni 1992 und wurde dort Ministerpräsident. In der Slowakei übernahm der Nationalist Vladimír Mečiar das Ruder.

Bei der friedlichen Trennung der beiden Länder spielte eine grosse Rolle, dass das Vermögen des Staates bereits während des Prager Frühlings 1968 weitgehend zwischen beiden Teilrepubliken aufgeteilt worden war. Erstaunlicherweise einigten sich Tschechen und Slowaken, dass die tschechoslowakische Krone zunächst auch in den beiden eigenständigen Staaten weiter gültig bleiben sollte. Nationalbankgouverneur Josef Tošovský ahnte aber, dass dies nicht klappen konnte weil die wirtschaftspolitischen Vorstellungen zu unterschiedlich waren und die Länder schnell voneinander wirtschaftlich wegdriften würden. Er konnte Klaus umstimmen. Dieser wiederum vereinbarte in Geheimgesprächen mit Mečiar die Währungstrennung.

Am 1. Januar 1993 wurden Tschechien und die Slowakei eigenständige Staaten – zunächst mit einer gemeinsamen Währung. Erst am 2. Februar wurde die Währungstrennung bekanntgegeben – völlig überraschend, ohne dass vorher etwas durchgesickert war. Um Spekulationen zu verhindern, wurden kurzzeitig Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Beide neuen Staaten hatten im Ausland bereits neue Banknoten und Münzen drucken lassen. Ein paar Tage später begann der Übergang; in vier Tagen war das alte Geld eingezogen und das neue verteilt. Der Wille, die unvermeidliche Scheidung gesittet und zivilisiert zu vollziehen, hatte gesiegt.

Tatsächlich drifteten dann die beiden Länder auseinander. Als tschechischer Premier setzte der ultraliberale Ökonom Klaus die schnellen und radikalen Privatisierungen fort. In der Slowakei privatisierte Mečiar Betriebe wenn überhaupt vor allem, indem er sie günstig an Freunde und Parteifreunde verkaufte. 1998 hatte sich die Wirtschaftslage aber derart verschlechtert, dass der Premier die Wahlen verlor. Ausserdem war das Land nicht gemeinsam mit Tschechien in die Nato aufgenommen worden und es drohte ein Abseitsstehen auch bei EU-Beitritt. Die neue christdemokratische Regierung von Mikuláš Dzurinda schwenkte auf einen umso radikaleren Reformkurs ein. Diese beeindruckende Aufholjagd sorgte selbst beim früheren Brudervolk für Anerkennung. Noch heute beneiden tschechische Ökonomen die Slowakei um einige Reformen der Regierung Dzurinda. Dadurch erhielt die slowakische Wirtschaft Impulse, von denen sie heute zehrt. Das Land wurde zeitgleich mit Tschechien in die EU aufgenommen und während in Böhmen und Mähren heute noch mit Kronen gezahlt wird, nahm die Slowakei ohne zu zögern den Euro an.

Dieses Beispiel zeigt nicht nur den Wert von pragmatischen Kompromissen. Es zeigt auch, dass mit entschlossenen und richtigen Reformen ziemlich schnell eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation erzielt werden kann. Griechenland, aber auch seine Geldgeber, könnten an diesem Beispiel viel lernen. Mit gut 6% weist die Slowakei im Moment die niedrigste Arbeitslosigkeit seit der Unabhängigkeit auf. Und in Tschechien herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Mit 2,9% ist das Land wohl innerhalb der EU an der Spitze und hat still und leise bereits die Schweiz überho

Griechenland schrumpft

Die griechische Bevölkerung stimmt über die Krise mit den Füssen ab.

Vor vielleicht 15 Jahren fuhren wir einmal im Speisewagen von Bern an den Flughafen von Genf. In Lausanne stieg ein schnauzbärtiger Herr ein, der fragte, ob er sich an unseren Tisch setzen dürfe. Wir bejahten und setzten unsere Konversation in griechischer Sprache fort. Meine Frau erkundigte sich zum Beispiel nach den französischsprachigen Zeitungen, die der Herr las. Dieser mischte sich ins Gespräch ein und sagte auf Griechisch: „Nur dass es keine Missverständnisse gibt: Ich verstehe alles, was Sie sagen.“ Es handelte sich um den damaligen Waadtländer Nationalrat Josef Zisyadis, ein in der Schweiz eingebürgerter Konstantinopler Grieche. Wir unterhielten uns dann bis Genf sehr angenehm zu dritt.

Es war bis zum Ausbruch der Krise höchst selten, dass in der Schweiz jemand unsere Unterhaltung verstand. Wir konnten auch Vertrauliches besprechen und am Telefon schwatzen ohne dass es jemand verstand. Obige Begebenheit ist eine grosse Ausnahme.

Das ist Vergangenheit. Wenn ich heute im Zug von Zürich nach Bern das Telefon zücke, muss ich aufpassen was ich sage – auch wenn ich mich der Sprache Homers bediene. Oft habe ich in letzter Zeit ein Gespräch belauscht, das nicht für meine Ohren bestimmt war: Sei es, dass intime Themen breit getreten wurden, sei es, dass die Wortwahl nicht zitierfähig war – diese Begebenheiten symbolisieren, dass nun in der Schweiz auch Griechisch gesprochen wird. Auch wenn wir en famille auf der Strasse gehen und uns unterhalten, müssen wir mehr und mehr aufpassen, was wir sagen.

Griechenland als Auswanderungsland

Als ich das erste Mal nach Griechenland kam, rollte gerade die erste Einwanderungswelle an. Aus Albanien. Zuerst gab es Kriminalität, illegale Beschäftigung und andere Begleiterscheinungen. Im Jahre 1996 gingen wir das erste Mal in die Pindosberge: Nach Papingo. Auf einer Wanderung sahen wir verschupfte und verlumpt angezogene Gestalten, die angstvoll grüssten – Albaner, die gerade die seit einigen Jahren grüne Grenze überschritten hatten. Es war ein kalter April. Der Regen war nie weit und der Schnee war liegengeblieben.

Im Jahre 2001 waren wir wieder dort. Ein goldener Herbst. Wir konnten uns an den farbigen Bäumen nicht sattsehen. Jeden Abend sassen wir noch im Oktober lange draussen. In einer Taverne in Papingo lernten wir die Wirtin etwas näher kennen – sie kam aus Albanien und hatte den Wirt geheiratet – ausserordentlich tüchtig, nett und nie um ein gutes Wort verlegen. Wir hörten auch, dass in diesen Wochen die Primarschule in Papingo wieder eröffnet wurde. Der Grund? Die vielen Albanerkinder im Dorf hatten dazu geführt, dass die Mindestzahl zur Führung einer Dorfschule nun wieder erreicht wurde.

Die Albaner sorgen in Griechenland also in den Neunzigerjahren für den dringend nötigen Arbeitskräftenachschub, denn die Geburtenrate ist eine der niedrigsten in Europa, obwohl der gesellschaftliche Druck auf junge Paare, für Nachwuchs zu sorgen, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, riesig ist. Und mit der Zeit begannen diese Albaner, auch in die Rentenkassen einzuzahlen. Das führte dazu, dass das rein umlagefinanzierte Rentensystem, das eigentlich schon vor 20 Jahren hätte Bankrott gehen sollen, immer weiterlief. Ich wartete darauf, dass es nicht mehr finanzierbar war, aber der Moment kam nicht. Bis zur Schuldenkrise. Griechenland wurde also in den neunziger Jahren ein Einwandererland. Das führte einerseits dazu, dass die Renten vorerst gesichert waren. Es hatte aber auch sehr negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das reichliche Vorhandensein von günstigen Arbeitskräften verscheuchte jeden Gedanken nach Investitionen und Produktivitätssteigerungen. Die Wirtschaft wurde nicht modernisiert. Noch konnte man abwerten, noch konnte man die Leistungsbilanz so ausgleichen. In der Landwirtschaft wurde nichts mechanisiert. Man verliess sich auf die Albaner, die halfen. Auf dem Bau ebenso. Und natürlich hatte jede griechische Familie eine albanische Putzfrau – auch wir. Dann kam die Krise.

Die Zahlen: In fünf Jahren wanderten praktisch eine halbe Million Menschen aus Griechenland aus. In den Krisenjahren 2008-2013 kehrten 427’000 Griechinnen und Griechen ihrem Land den Rücken zu. Der Zentralbankchef Ioannis Stournaras, der diese katastrophalen Zahlen erhoben hatte, äusserte die Hoffnung, dass diesen Menschen dereinst gut ausgebildet und um eine Erfahrung reicher zurückkehren würden und mit ihren neu erworbenen Fähigkeiten das Wachstum stimulieren würden.

Er dürfte sich täuschen. Oft höre ich von Griechen die Aussage wie: „Wir sind nur für einige Jahre hier, aber diese Jahre ziehen sich“ oder „Wir sind zum Geldverdienen gekommen, dann aber geblieben“. Das Muster gleicht sich: Kommen Einzelpersonen, dann gründen diese nach einigen Jahre eine Familie, sind dadurch und durch die Jobs an die neue Umgebung gebunden und gehen allenfalls teilweise zurück. Kommen Familien, dann sind es neben den Jobs die Kinder, die das Paar an die neue Umgebung binden. Diese durchlaufen ein anderes Bildungssystem und die griechischen Schulen im Ausland taugen kaum dazu, die Kinder auf muttersprachlichem Niveau an die Sprache und Kultur von Griechenland heranzuführen. Das war an sich schon bei der ersten Einwanderungswelle in den Sechzigerjahren so. Was sich geändert hat ist die Tatsache, dass viel mehr Griechen in die Schweiz kommen – und es handelt sich meist um sehr gut ausgebildete Menschen und weniger um Arbeiter wie damals. Die Krise in Griechenland vertreibt nicht nur die Bürgerinnen und Bürger, sie verhindert auch ihre Rückkehr. Die Jobaussichten sind schlecht, die Löhne tief und traditionell werden die Jobs nicht an die Wägsten und Besten vergeben, sondern an denjenigen, der die besten Beziehungen hat. Die fachliche Kompetenz spielt praktisch keine Rolle. Allenfalls wird bürokratisch nach Vorhandensein von Diplomen entschieden. Daran hat auch die Krise nichts geändert. Wer weg ist, ist weg und höchstens noch als Devisenbringer und in Sonntagsreden willkommen.

Sterbeüberschuss

Es kommt aber noch schlimmer: Der Sterbeüberschuss steigt und steigt. Während er 2014 bei 20’000 Personen lag, waren im 2017 bereits Ende November 113’000 Sterbeurkunden ausgestellt worden, während nur 80’000 Geburten registriert wurden. Das führt dazu, dass die Bevölkerung in Hellas rasant schrumpft: Bis 2030 sollen es noch 9,9 Millionen sein, während es 2050 nur noch 8,9 Millionen Griechinnen und Griechen geben dürfte.

Na und? Worin besteht die Dramatik dieser Zahlen? In den Neunzigerjahren und bis zu einem gewissen Grad auch in den Nullerjahren war Griechenland ein Einwanderungsland. Die Albaner hielten die Wirtschaft am Laufen und stützten die Sozialsysteme. Die Stütze ist weg. Die Dauerkrise ist da und damit das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit. Oft bleibt den jungen Griechinnen und Griechen nur, ihr Glück in der Fremde zu suchen. So wie ihre Grossväter und Grossmütter. Und Familiengründungen sind oft nicht mehr finanzierbar. Man kann damit rechnen, dass die für die Betroffenen und für den Binnenkonsum katastrophalen Lohnkürzungen irgendwann aufhören, aber aus der Dynamik der obigen Zahlen wird klar, dass die Rentenkürzungen, von denen für das nächste Jahr wieder eine Serie angekündigt wurde, nicht so schnell aufhören.

Und was ist mit den Albanern? Bisher sind sie noch in Griechenland. Sie hoffen aber darauf, dass sie in Griechenland eingebürgert werden. Dann können sie in ein anderes EU-Land auswandern und dort arbeiten.