Daniel Funk's Griechenlandblog

Daniel Funk's Griechenlandblog über die Krise in Griechenland

Der Krise ein Gesicht geben

Er war Loukianos Kilaidonis, der vor vielen Jahren diesen Hit schrieb: „Ich bin Mary Panagiotara“. Der bekannte Sänger/Songwriter beschrieb dabei den Tag einer Griechin, die probiert, Kinder, Schule, Job und Haushalt unter einen Hut zu bringen, alle bedienen muss und dann auch noch vom Chef angefasst wird. Der Song ist alt, das Thema aber krisenbedingt aktueller denn je.

Betty, eine fröhliche Frau in den besten Jahren, erinnert mich an die Mary Panagiotara aus dem Lied, wenn sie aus ihrem Leben erzählt. Mittelklasse, eine Pfarrerstochter. Ihre zwei Kinder sind schulpflichtig. Betty ist geschieden. Ihr Exmann bezahlt Alimente. Als selbständig Erwerbender wird er steuerlich danach veranlagt, wieviele Quittungen er seinen Kunden ausstellt. Er stellt das Minimum aus und arbeitet grösstenteils schwarz – eine weit verbreitete Praxis. Die Alimente wurden aber nach dem veranlagten Einkommen festgelegt und machen kümmerliche 300 Euro aus. So haut er sowohl die griechische Steuerverwaltung wie seine Ex übers Ohr – zu seinen Gunsten.

Betty wohnt in einem eigenen, schönen Haus. Vereinbart ist, dass sie das tut, bis die Kinder erwachsen sind. Da der Ex Handwerker ist, hat er es zu einem rechten Teil selber gebaut. Das bedeutet aber auch, dass die Liegenschaftsssteuer (ENFIA), die sich unter anderem nach der Geschossfläche berechnet, im Familienbudget mit einem Monatslohn zu Buche schlägt.

Bevor sie Kinder hatte, arbeitete Betty als Verkäuferin. Es waren gute Jahre. Überall wurde gebaut und man konnte sich eine Wohnung oder ein Haus leisten, Ferien, ein Auto. Nach der Geburt hörte Betty mit der Arbeit auf und widmete sich der Familie.

Mit der Krise begann das Geld knapp zu werden. Betty’s Mann – nennen wir ihn Markus – hatte weniger Arbeit und zu allem Überdruss scheiterte auch die Ehe. Markus wohnt nun wieder bei seiner Mutter.

Dank ihres Freundeskreises fand Betty überraschend schnell wieder Arbeit und zwar in einem Familienbetrieb. Solche Klein- und Kleinstbetriebe sind zwar das Rückgrat der griechischen Wirtschaft, aber mit den gesetzlichen Bestimmungen nehmen sie es oft nicht sehr genau. Betty war schwarz angestellt, Sozialversicherungsbeiträge wurden nicht abgeführt und der Firmeninhaber schrie regelmässig herum und tobte. Nach kurzer Zeit wechselte Betty deshalb die Stelle. Sie verdient jetzt sechshundert Euro, alles ist legal und sie ist versichert, was schon ein Fortschritt darstellt, obwohl der Lohn extrem bescheiden ist. Die Firma, die in ganz Griechenland tätig ist, hält sich an die gesetzlichen Minimalbedingungen. Und diese Standards sind in der Privatwirtschaft wirklich minimal: Oft muss Betty auch an Feiertagen arbeiten; Nachfrage besteht immer. Es gibt zwar Feiertagstzuschläge, diese sind aber verschwindend klein. Für 2 Feiertage kommen da gerade mal 35 Euro zusammen. Neu muss Betty bis zu den Sommerschulferien pro Tag eine Stunde länger arbeiten – und kriegt dafür 1.50 Euro! Sie versucht nun mit Arbeitskolleginnen, dieses Geld schwarz zu kriegen – dann wären es immerhin 3 Euro. Auch schwere Arbeit fordert mittlerweile ihren Zoll. Betty war in diesem Jahr schon einmal krankgeschrieben, weil der Rücken streikte.

Der lange Tag

„Um 3 Uhr morgens schellt mein Wecker. Ich stehe auf, esse etwas und düse um 4 Uhr bewehrt mit einer grossen Thermoskanne Kaffee los durch die Häuserschluchten des schlafenden Athens. Mein Arbeitsplatz ist extrem weit weg – am anderen Ende der Stadt. Am Morgen gibt es kaum Verkehr und ich bin schnell dort. Die Kinder müssen am Morgen selber klarkommen: Im Idealfall frühstücken sie und sind pünktlich in der Schule. Ich arbeite dann bis 13.30 mit einer halbstündigen Pause. Um 15.00 Uhr bin ich wieder zu Hause. Ab diesem Zeitpunkt bin ich für Kinder und Hund da. Nach dem Essen und einer kurzen Mittagspause geht es zum Einkaufen, ich koche für den Folgetag und erledige, was auch noch erledigt werden muss. Vor 23 Uhr komme ich nicht ins Bett!“

Für Benzin kommen gut und gern nochmals 180 Euro pro Monat zusammen, die das Familienbudget belasten. Zum Glück hat Betty eine Kollegin gefunden, die den gleichen Weg hat. Jetzt ist es nur noch die Hälfte.

Obwohl Betty eine dynamische und optimistische Mutter ist, realisieren die Kinder den konstanten Geldmangel – und reagieren auf ihre Weise. Um zu sparen, schalteten sie im Winter öfters die Heizung aus und froren. Und dann erkrankten sie prompt an einer starken Bronchitis/Lungenentzündung. Dennoch: einer von vier Monatslöhnen geht für die Stromrechnung drauf.

Betty wohnt in einem Mittelklasse-Viertel. Nicht alle der Gspänli ihrer Kinder sind derart von Verarmung bedroht. Griechenland ist auch ein Land, wo ständig verglichen und stark auf Äusserlichkeiten geschaut und diese auch ungefragt kommentiert werden. Und trotzdem schaffen es Betty und ihre beiden Kinder. Sie sind gut angezogen, haben das Nötigste und zu jedem Treffen bringen sie ein Geschenk mit. Trotzdem waren Gerüchte im Umlauf von wegen Vernachlässigung der Kinder – etwas, was Betty sehr traf und worauf sie im Gespräch mit den Eltern und der Lehrerin, die diese Gerüchte in die Welt gesetzt hatten, heftig reagierte. Es war hier wohl auch Neid im Spiel. Neid? Neid auf Betty, die dynamisch ist, ihr Leben selber gestaltet und schwierige Entscheide trifft und den Problemen nicht aus dem Weg geht.

Ferien liegen seit Jahren nicht drin, oder nur im Landhaus von Vickis Eltern, die dann während dieser Zeit auch Ansprüche haben. So kann sich Betty auch in den Ferien kaum erholen. Erholsam sind höchstens die Wochenenden, wo die Kinder beim Ex sind und die Betty für sich hat.

Sie schaffen es trotzdem

Das ist das Griechenland des Jahres 2019, es ist das Griechenland nach der Krise, nach drakonischen Sparprogrammen und nach dem Diktat der Geldgeber. Jede Geschichte ist individuell verschieden und nur schwer vergleichbar. Die Geschichte von Betty soll aber hier den Folgen der Krise ein Gesicht geben, sie zeigt, wie es um unzählige Familien steht. Heute wächst Griechenland wieder. Bei den bescheidenen Wachstumsraten wird es aber Jahrzehnte dauern, bis Betty wieder einen Lebensstandard hat, der demjenigen vor der Krise nahekommt. Und die beiden Kinder? Wie werden sie ihren Weg machen bei der astronomischen Jugendarbeitslosigkeit? Eine verlorene Generation wächst heran, die die Wahl hat, arm zu bleiben oder auszuwandern. Für was werden sich das Mädchen und der Bub entscheiden? Wie werden sie das Dilemma – ein griechisches Wort! – für sich lösen? Immerhin: Tägliche Freuden wie der griechische Sommer und das Meer, das sind Konstanten, die auch die Krise und die Sparprogramme nicht beseitigen konnten. Und am 7. Juli sind Parlamentswahlen.

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Griechenland wieder am Kapitalmarkt – Nachhaltig oder trügerische Ruhe?

Griechenland refinanziert sich wieder am Kapitalmarkt. Kann das funktionieren? Und wenn ja unter welchen Bedingungen?  

Die griechische Schuldenagentur hat bereits im Januar eine neue, fünfjährige Anleihe am Kapitalmarkt begeben und zwar mit einer Rendite von gut 3,5%. Das ist deutlich weniger als die letzte Anleihe, die 2014 zu 4,75% aufgelegt wurde und widerspiegelt die Beruhigung der wirtschaftlichen Lage.

Ende August 2018 hatte Hellas den Rettungsschirm verlassen und muss sich nun wieder über den Kapitalmarkt finanzieren. Für zusätzliche Sicherheit sorgt die Tatsache, dass sich die politische Lage nach der Ratifizierung des Mazedonienabkommens beruhigt hat – obwohl Europawahlen anstehen und im Spätherbst Parlamentswahlen fällig sind. Eigentlich benötigt Athen gar kein frisches Geld; Finanzminister Euklid Tsakalotos verfügt noch über ein Sicherheitspolster von 26,5 Milliarden Euro. Das sollte den Finanzbedarf im Notfall bis Ende 2020 abdecken.

Warum wird denn bereits eine Anleihe ausgegeben? Um auf Pump zu leben? Eher nicht. Die Griechen müssen sich zwar wieder auf dem Markt refinanzieren, sind aber nach wie vor an eine ganze Reihe von Auflagen gebunden. Dazu gehören harte Bedingungen in Bezug auf den Staatshaushalt – deren Einhaltung auch kontrolliert wird. Einerseits ist die Lage an den Märkten im Moment günstig. Andererseits kann der Finanzminister damit Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Diese Darlehen sind mit 5,12% sehr teuer.

Es ist wichtig für Griechenland, nun in regelmässigen Abständen Geld aufzunehmen. Den Anlegern steckt immer noch der Schreck des Schuldenschnitts von 2012 in den Gliedern, wo Titel im Wert von 200 Milliarden Euro in neue Papiere umgetauscht wurden und die nominale Schuldenlast des Landes um 105 Milliarden sank. Dennoch betragen die griechischen Staatsschulden immer noch mehr als 180% der jährlichen Wirtschaftsleistung (gemessen als Bruttoinlandprodukt BIP). Deshalb bewerten die Ratingagenturen die griechischen Schulden immer noch als Ramsch. Das bedeutet, dass zum Beispiel institutionelle Anleger diese nicht halten dürfen.

Kann Griechenland unter diesen Voraussetzungen gedeihen?

Betrachten wir zuerst die äusseren, die exogenen Faktoren. Wenn auf der internationalen Bühne nichts dazwischen kommt, könnten die Zinsen stabil bleiben. Griechenland könnte dann regelmässig Geld aufnehmen und seine Schulden so refinanzieren und auf sehr hohem Niveau stabil halten. Doch das ist keine selbstverständliche Voraussetzung. Die italienischen Staatsanleihen verfügen nur ganz knapp über einen „investment grade“. Es braucht wenig, dass sie auf Ramschniveau zurückgestuft werden. Passiert das, könnten sich im Rahmen einer Kettenreaktion auch die griechischen Verhältnisse ändern. Würde das aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder von politischen Unsicherheiten – zum Beispiel im Gefolge der Europawahlen – geschehen, dann dürften plötzlich institutionelle Anleger wie Pensionskassen keine italienischen Anleihen mehr halten. Das würde zu einer Verkaufswelle und steigenden Zinsen führen. Diese Entwicklung könnte Griechenland „anstecken“ und auch den griechischen Schuldendienst verteuern. Wegen der Höhe des Schuldenberges würde wenig genügen, damit dieser nicht mehr finanzierbar ist.

Auch im Inneren Griechenlands gibt es Fragezeichen – und diese sind noch gewichtigerer Natur:

Je nach Prognostiker schwanken die Wachstumsprognosen zwischen 1 und 2,5%. Die gute Nachricht besteht lediglich darin, dass das Land die Akutphase der Krise überwunden zu haben scheint. Führt man sich aber vor Augen, dass Hellas seit Ausbruch der Krise vor etwa 10 Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Wirtschaftsleistung verloren hat, dann kann man sich ausrechnen, dass es bei diesen Wachstumsraten Jahrzehnte dauern wird, bis die Wirtschaftsleistung das Vorkrisenniveau erreicht. Daran liegt die eigentliche Tragik der griechischen Krise: Die Talsohle ist erreicht, aber sie wird breit sein. Deutschland hatte in den Dreissigerjahren eine ähnlich tiefe Krise zu gewärtigen. Aber das Land ist dann rasch wieder gewachsen, während Griechenland – sei es aus selbstgewählter Reformunfähigkeit, sei es der Beschränkungen der Eurozone wegen – das Verlorene nicht einmal innerhalb einer Generation aufholen kann. Als ich schrieb, dass das Vorkrisenniveau nicht innerhalb einer Generation wieder erreicht werden kann, wurde ich als der schwärzeste aller Schwarzmaler bezeichnet. Nun kommen unabhängige Prognoseinstitute zum gleichen Schluss.

Dazu kommen die hohen Kreditrisiken der Banken. Deren Bücher sind nach wie vor gestossen voll von notleidenden Krediten, die nur langsam abgebaut werden können. Die Kapitalverkehrskontrollen wurden zwar gelockert, es gibt aber immer noch Rückzugsbeschränkungen für Barauszahlungen. Die Möglichkeit, diese Beschränkungen einzuführen, kam der Regierung sehr gelegen, denn die Griechinnen und Griechen wurden so gezwungen, Kredit- und Debitkarten zu verwenden, wo man mit der Mehrwertsteuer nicht schummeln kann. Das Resultat zeigt sich im hohen Primärüberschuss. Beim Import von Waren und Halbfabrikaten können sich aber grosse Probleme ergeben, da es auch Beschränkungen für Zahlungen ins Ausland gibt.

Unter den Blinden ist der Einäugige König

Auch die Zweifel am Reformwillen sind ständige Begleiter der griechischen Krise. Das Schlimmste daran ist, dass die regierende linksradikale Regierung hier noch einen vergleichsweise guten Leistungsausweis hat. Aber nach einem griechischen Sprichwort ist der Einäugige unter den Blinden König. Was Not tut, sind nicht weitere Sparmassnahmen, Rentenkürzungen und Lohnabbau. Was nötig ist, sind marktwirtschaftliche Reformen ordnungspolitische Veränderungen mit dem Ziel, Privatinvestitionen zu ermöglichen, Bürokratieabbau und die Gewähr von Rechtssicherheit. Ausserdem müsste jeder wiedergewonnene fiskalische Spielraum für Steuersenkungen verwendet werden. Diese Dinge sind wichtig. Die Griechinnen und Griechen nehmen das aber in ihrer grossen Mehrheit nicht so wahr und deshalb sehen das auch die Parteiprogramme nicht vor. Zu guter (oder schlechter…) letzt ist auch der Leistungsausweis der wichtigsten Oppositionspartei Nea Dimokratia derart erbärmlich, dass man auch als Marktwirtschafter eher auf eine Wiederwahl der Regierung Tsipras hoffen muss, die man nicht vorzeitig abschreiben sollte, obwohl sie gegenwärtig in den Umfragen zurück liegt.

Diese Regierung hat in den letzten Jahren das gemacht, was auch die Vorgängerregierungen gemacht haben: an der Steuerschraube gedreht. Weil sie im Unterschied zu den Vorgänggerregierungen aber ernsthaft Steuern eintrieb, resultierte ein Primärüberschuss, der weit über dem Ziel lag, das mit den Geldgebern vereinbart war und der Experten für unmöglich gehalten haben – der Schreiber dieser Zeilen eingeschlossen. Ein nachhaltiges Wachstum ist aber so nicht erzielbar.

Die demographische Zeitbombe

Das griechische Rentensystem in Kombination mit der demographischen Entwicklung kann sich langfristig als ebenso starker Wachstumshemmer entpuppen wie der Schuldenstand und seine Folgen. Kombiniert kann das für japanische Verhältnisse sorgen und zu einem jahrzehntelangen Krebsgang führen. Das griechische Rentensystem war traditionell äusserst grosszügig ausgestaltet und funktioniert komplett umlagefinanziert. Zusätzlich erschwert ein Sammelsurium von grossen und kleinen Kassen mit je eigenen Bedingungen und unterschiedlichen Lohnabzügen den Überblick. Ich erwartete schon in den Neunzigerjahren, dass dieses System nicht mehr finanzierbar sein würde. Das ist nicht passiert und zwar der stetigen Einwanderung wegen – vor allem aus Albanien. Es kamen mehr Beitragszahler hinzu als Rentner. Die Albaner finanzierten den Griechen zu einem Teil die Renten. Nun hat sich die Situation komplett umgekehrt. Während das Land bei der letzten Zählung noch 10,9 Millionen Einwohner hatte, könnte die Bevölkerung bis 2050 auf 8,3 Millionen schrumpfen. Immer weniger Griechinnen bekommen Babies – der Durchschnitt ist heute noch bei 1,35 Kinder pro Frau. So vergreist das Land. Zusätzlich kommt der „brain drain“ – die Auswanderung vor allem von gut gebildeten Spezialistinnen und Spezialisten, die in Hellas keine Zukunft sehen. Oppositionsführer Mitsotakis schlug vor, dem Problem durch staatliche Zuschüsse für werdende Mütter zu Leibe zu rücken und die Kinder kostenlos in staatlichen Kindergärten zu betreuen, während die Regierung Immigranten besser in die griechische Gesellschaft integrieren möchte. Diese Vorschläge zeigen vor allem die Hilflosigkeit der griechischen politischen Klasse. Einer Physikerin wie Angela Merkel würde es nicht passieren, derart offensichtlich Ursache und Wirkung zu verwechseln. Das plötzliche Absacken der Geburtenrate und der „brain drain“ sind die Folge der Krise und nicht deren Ursache. Man weiss zwar aus dem Frankreich de Gaulles, dass es durchaus möglich ist, mit monetären Anreizen die Geburtenrate zu heben, aber diese müssen so stark sein, dass sie praktisch die gesamten Kosten eines zusätzlichen Kindes kompensieren. Hier diskutieren also offensichtlich der ehemalige Mc-Kinsey-MItarbeiter Mitsotakis und der Regierungschef Symptomtherapievorschläge.

Unter diesen Umständen muss man über die prekäre Stabilisierung des Landes schon froh sein. Am 26. Mail sind Europawahlen und spätestens Ende Oktober finden in Hellas Parlamentswahlen statt. Fortsetzung folgt.

 

Namensstreit nach mehr als 25 Jahren gelöst (2. Februar 2019)

Das griechische Parlament hat am 25. Januar knapp den Vertrag zur Lösung des Namensstreites mit seinem Nachbarland ratifiziert. Vor der Abstimmung konnte sich die Regierung in einer Vertrauensabstimmung mit einer ganz knappen Mehrheit im Amt halten.

Der kleine Koalitionspartner der regierenden linksradialen Partei SYRIZA von Ministerpräsident Tsipras, die rechtspopulistische ANEL, hatte angekündigt, diesen Vertrag nicht zu unterstützen. Verteidigungsminister Kammenos war zurückgetreten. Tsipras konnte sich aber durch unabhängige Abgeordnete mit einer hauchdünnen Mehrheit im Amt halten. Er regiert nun mit einer Minderheitsregierung. Nach einer hitzigen Debatte im Parlament und einer Grossdemonstration ratifizierte das Parlament dann den Vertrag von Prespes zur Lösung des Namensstreites mit seinem Nachbarland – ebenfalls mit Unterstützung einiger unabhängiger Abgeordneter.

Damit verzichtet Griechenland gegenüber dem neu Nordmazedonien genannten Land auf das Veto in Bezug auf die Mitgliedschaft in der EU und der NATO. Im Ausland war das Echo auf den Vertrag einhellig positiv. Vermutlich ist auch ein alter strategischer Gedanke wieder da: das Land dürfte dadurch aus dem Einflussbereich Russlands und der Türkei ausscheiden. Der Name Nordmazedonien gilt „erga omnes“, das heisst für innere als auch für äussere Angelegenheiten. In den kommenden fünf Jahren müssen sämtliche amtlichen Dokumente auf den neuen Staatsnamen „Republik Nordmazedonien“ umgeändert werden. Bereits in den kommenden sechs Monaten muss zudem Skopje gewährleisten, dass keine Symbole bzw. Wahrzeichen mehr benutzt werden, die einen Bezug zum antiken Griechenland herstellen. Eine Kommission wird die Schulbücher überprüfen und bei Bedarf Veränderungen durchführen. Gestrichen werden müssen vor allem Passagen, die irredentistisch verstanden werden können. Aus dem Verkehr gezogen werden die bisherigen Pässe. Auch die Autokontrollschilder müssen neu vergeben werden: Anstatt von MK für Mazedonien muss es nun entweder NMK oder NM (beides für Nordmazedonien) heissen.

Was steckt hinter diesem Problem, das hierzulande viele geneigte Leserinnen und Leser als skurril empfinden mögen? Man hat in den letzten 25 Jahre einiges darüber gelesen, aber das Grundproblem wurde in den kaum richtig thematisiert. Es geht denn auch um mehr als nur um einen Namen.

Das Mazedonienproblem ist eines der vertracktesten der an leidvollen und kriegerischen Auseinandersetzungen reichen Geschichte des Balkans. Es reicht weit zurück; mindestens bis zum Frieden von San Stefano, 1876. Dieser Blog ist ein Wirtschaftsblog. Deshalb habe ich dieses Problem bisher nur gestreift und die heisse Kartoffel nicht angerührt. Um aber zu verstehen, was in Griechenland in den letzten Wochen geschah, ist ein grobes Verständnis nötig. Wer hier Position bezieht, kann sich in die Nesseln setzen. Ich habe aber ehrlich versucht, der Situation gerecht zu werden.

Mazedonien inmitten des Pulverfasses Balkan

Auf dem Balkan hatte sich unter römischer Herrschaft im Norden die lateinische und im Süden die griechische Sprache durchgesetzt. Ab dem 6. Jahrhundert liessen sich slawische Stämme nieder, die durch die Apostel Kyrill und Method christianisiert wurden. Der Niedergang der oströmischen Macht ging einher mit einem Machtgewinn des ottomanischen Reiches, das seine grösste Ausdehnung im 19. Jahrhundert erreicht hatte. Auf dem Balkan gab es für lange Zeit eine bedeutungsvolle Grenze, die das ottomanische Reich von der sich im 19. Jahrhundert ebenfalls im Zenit ihrer Macht befindlichen Donaumonarchie schied. Im Südbalkan, ottomanisch beherrscht, gab es keine sauberen ethnischen Strukturen. Der Fleckenteppich, der in Jugoslawien bis zu den Kriegen nach dem Zerfall des Kommunismus bestand, war das vorherrschende Strukturprinzip – auch in gewissen Gebieten des heutigen Griechenlands. Die Ottomanen teilten dabei ihre Untertanen nicht nach Volkszugehörigkeit oder Sprache ein, sondern nach Religion. Griechen wurden dabei dem Konstantinopler Patriarchat zugeschlagen, Serben dem Belgrader Patriarchat und es gab auch eine Volkgruppe, die dem sogenannten Exarchat zugeschlagen wurde, das sich im bulgarischen Sofia befand und heute Patriarchat von Bulgarien genannt wird. In diesem Durcheinander siedelten aber auch zum Beispiel Albaner und Aromunen. Das Nationalbewusstsein war zunächst nicht bei allen Volksgruppen gleich ausgeprägt, vor allem bei der exarchischen Volksgruppe nicht. Gleichzeitig kann man heute auch schlecht sagen, wer wo welcher Volkszugehörigkeit war. Wer zum Beispiel bei den türkischen Behörden als Muslim registriert war, war nicht unbedingt Türke, er konnte auch Albaner sein.

Heute geht es um die Volksgruppe, die zu ottomanischer Zeit dem Exarchat zugeschlagen wurde. Und es geht um Mazedonien, das zunächst ein geographischer Begriff ist. Zu ottomanischer Zeit hatte sich besagter Fleckenteppich über das Gebiet gelegt; heute teilen sich Griechenland, zu einem kleinen Teil Bulgarien und eben das Land, um das es hier geht, dieses Gebiet.

Die Balkankriege und der Erste Weltkrieg

Wie kam das? Die Balkankriege beendeten auf blutige Art die Dominanz des ottomanischen Reiches auf dem Südbalkan. Es entstanden Nationalstaaten, wobei die Grenzziehung willkürlich war, oft nach dem Recht des Stärkeren erfolgte und wiederum auf dem Territorium der neu entstandenen Nationalstaaten unbefriedigte Minderheiten schufen. Im Frieden von San Stefano wurde 1876 praktisch die ganze geographische Region Mazedonien Bulgarien zugeschlagen. Diese Ordnung hielt aber nicht Bestand und wurde ein paar Jahre später am Berliner Kongress revidiert. Die Grossmächte wollten nicht, dass Russland durch seinen Vasallen Bulgarien Zugang zur Ägäis erhielt – die Furcht davor ist also ein alter Gedanke. Die ottomanische Ordnung wurde restauriert. Nun begann aber ein Wettstreit um die Dominanz auf dem Gebiet des geographischen Mazedonien. Ob Dörfer dem Exarchat oder dem Patriarchat zugehörig waren, änderte sich. Oft wurde Druck gemacht, Gewalt eingesetzt; es gab auch Tote. Gewalt wurde zwar von beiden Seite angewendet, dem Exarchat loyale Kräfte waren aber eindeutig aggressiver. 1893 formierte sich die IMRO, eine Terrororganisation. Unter verschiedenen Namen hatte sie einige Jahrzehnte Bestand. In dieser Zeit vor dem Ersten Weltkrieg tauchte denn auch erstmals das Adjektiv „mazedonisch“ im Zusammenhang mit den slawischsprachigen Bewohnern der geographischen Region Mazedonien auf allerdings erst einmal zusammen mit dem Adjektiv „bulgarisch“.

Das Pulverfass Balkan war entstanden. In den dem Ersten Weltkrieg vorangehenden Balkankrisen und im Ersten Weltkrieg versuchte Bulgarien wiederum, sich grosser Teile Mazedoniens zu bemächtigen und abermals einen Zugang zur Ägäis zu erhalten. Dieser Versuch scheiterte und Bulgarien erlitt eine bittere Niederlage. In dieser Zeit entstand Griechenlands Nordgrenze, wie sie heute noch aussieht. Das neu entstandene Jugoslawien hatte sich grosse Gebiete bis zur griechischen Grenze einverleibt. Die Volksgruppe auf seinem Territorium, die dem Exarchat zugehörig war, wurde kurzerhand dem Belgrader Patriarchat zugeschlagen.

Der Konflikt wird eingefroren

Kurzfristig diente dies Griechenland, denn die Unzufriedenheit der Bevölkerung und der Terror der IMRO im nun jugoslawischen Teil Mazedoniens richtete sich gegen das serbisch dominierte Jugoslawien. Griechenland war zunächst nicht mehr im Fokus und die Bevölkerungszusammensetzung in Nordgriechenland änderte sich, weil eine riesige Anzahl von Flüchtlingen aus Kleinasien im griechischen Mutterland angesiedelt werden musste – auch im Norden. Für die verbleibende slawische Bevölkerung in Nordgriechenland entstand dadurch ein starker Assimilierungsdruck.

In der Zwischenzeit tauchten erstmals Referenzen auf, die sich auf die „mazedonische Sprache“ bezogen. Gemeint ist die Sprache, die die Bulgaren als bulgarischen Dialekt und die Serben als Südserbisch bezeichneten. Der deutsche Slawist Thede Khal sagt, dass man zwar die These vom bulgarischen Dialekt vertreten kann. Politisch steht diese Meinung aber auf verlorenem Posten. Bulgarien hat das schon in den Neunzigerjahren anerkannt. In den jüngsten Verhandlungen um das Abkommen, das das griechische Parlament nun ratifiziert hat, konnte auch Griechenland nicht mehr darauf bestehen, dass es eine mazedonische Sprache nicht gibt. Immerhin gab es schon vor und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg offizielle griechische Dokumente, die sich explizit darauf bezogen. Für die Kritiker des Abkommens ist das ein grosser Minuspunkt.

Griechenland trat in den Zweiten Weltkrieg ein, indem es ein italienisches Ultimatum ablehnte. Dem Land gelang es aber überraschend, die italienische Invasion zurückzuwerfen. Das Deutsche Reich musste zu Hilfe eilen und dieser zweiten Invasion war Hellas nicht mehr gewachsen. Das rief wiederum die mit den Achsenmächten verbündeten Bulgaren auf den Plan, die sich erneut einen Zugang zur Ägäis verschafften und grosse Teile Nordgriechenlands besetzten. Bulgarien setzte dabei auf Kader der IMRO, die vielerorts die Bürgermeister und weiteres administratives Personal stellte. Ein Teil der slawischsprachigen Minderheit, die vorwiegend in Nordwest-Griechenland ansässig war, bildete militante Gruppierungen. Diese kämpften entweder auf Seiten der Achsenmächte oder waren kommunistisch geprägt. Diese Gruppierungen verfolgten zwar gegensätzliche Ideologien, verfolgten aber beide die Trennung des makedonischen Territoriums von Griechenland und seinen Anschluss an Bulgarien oder Jugoslawien.

Nach dem Rückzug der Achsenmächte wurden die Vorkriegsgrenzen wiederhergestellt. In Griechenland brach aber ein Bürgerkrieg zwischen kommunistischen und royalistisch-bürgerlichen Kräften aus.

In Jugoslawien wurde 1944 die sechste Teilrepublik der jugoslawischen Föderation ins Leben gerufen. Deren Grenzen entsprachen genau dem mit dem Vertrag jetzt umgetauften Nordmazedonien. In dieser Zeit begann die jugoslawische Führung bewusst, eine mazedonische Nationenbildung zu betreiben. So gelang es im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit, die Gegend vorerst zu befrieden. Gleichzeitig gab es aber Andeutungen von titoistischer Seite, wonach das griechische Mazedonien inklusive Thessaloniki, eigentlich zu Jugoslawien gehören sollten. Griechenland war damals schwach und gespalten und konnte vorerst nicht adäquat auf diese irredentistischen Strömungen reagieren.

1949 wurde die Niederlage der Kommunisten im Bürgerkrieg besiegelt und Angehörige der slawischsprachigen Minderheit, die sich in grosser Zahl im Bürgerkrieg exponiert hatten, verliessen Hellas. Während der ideologischen Konfrontation zwischen Ost und West im Kalten Krieg wurde auch der Mazedonienkonflikt für ein halbes Jahrhundert „eingefroren“ – um dann mit umso grösserer Schärfe wieder aufzubrechen.

Ein neues Land entsteht

Als Jugoslawien zerfiel, erklärte die Sozialistische Republik Mazedonien ihre Unabhängigkeit und nannte sich bis zum jetzigen Vertrag Mazedonien. An diesem Punkt flammte der Konflikt wieder in ungeahnter Schärfe auf. Griechenland sieht den Namen Mazedonien als historisch nicht gerechtfertigt an, da die Geschichte des antiken Makedoniens ein Teil der griechischen antiken Geschichte ist, und zu diesem Zeitpunkt keine Slawen in der Region wohnten. Zusätzlich wird argumentiert, dass ein grosser Teil des jungen Staates nie Teil der historischen Region Makedonien gewesen sei. Die Bezeichnung Mazedonien für einen slawisch dominierten Staat wird im Zusammenhang mit den Ereignissen des blutigen griechischen Bürgerkrieges und als kommunistische Erfindung angesehen.

Die junge Republik argumentierte, dass die Bezeichnung Makedonien mindestens seit dem 19. Jahrhundert für die ganze Region üblich sei, und dass sich die slawischsprachigen Bewohner der Region auch mindestens ebenso lang als Mazedonier bezeichnen.

Einer der Gründe für das Aufflammen des Konfliktes war die Verfassung: Diese erklärte, dass sich die Republik für den Status und die Rechte der Mazedonier in den Nachbarländern einsetzt. Dieser Artikel verpflichtete die Republik, alle Mazedonier in ihrer kulturellen Entwicklung zu fördern und ihre Bindungen an die alte Heimat zu fördern. Griechenland erinnerte sich an die Zeit des Bürgerkriegs und die aggressive bulgarische Politik und interpretierte dies als Ermutigung zum Separatismus und befürchtete potenzielle territoriale Ansprüche. Gleichzeitig wählte die junge Republik den Stern von Vergina als Staatsflagge. Dieses Symbol des antiken, griechischen Mazedoniens wurde in den Achtzigerjahren bei Ausgrabungen in Griechenland entdeckt und korreliert mit Makedonien aus der antiken Zeit. Zu Recht fasste Griechenland dies als Provokation auf, denn slawische Mazedonier haben mit dem antiken, griechischen Mazedonien Alexander des Grossen keine historische Kontinuität aufzuweisen. Treibende Kraft war die IMRO, die sich nun VMRO nennt, seit der Einführung des Mehrparteiensystems bis heute im Parlament von Skopje einen stark nationalistischen Kurs fährt und oft die Regierung stellte.

Ministerpräsident Kostas Mitsotakis von der Nea Dimokratia (ND) verhandelte darauf mit der jungen Demokratie. Eine Lösung lag auf dem Tisch, aber Mitsotakis stürzte über seinen Parteikollegen Antonis Samaras, der die Einigung hintertrieb. Deshalb wurde diese Vereinbarung nie umgesetzt. Skopje erklärte aber, dass es keine territorialen Ansprüche gegenüber den Nachbarstaaten hat. Ebenso änderte es seine Flagge. Seit dieser Zeit wird hüben wie drüber der Konflikt dazu benutzt, dem politischen Gegner zu schaden und die Volksseele zum Kochen zu bringen – wie jüngst wieder bei der Grossdemonstration in Athen. Die Chancen einer Verständigung und die Risiken des Status quo werden kaum gesehen, die Risiken eines Kompromisses hingegen schon. Kompromissfähigkeit wird auf dem Balkan immer noch allzu oft als Schwäche gesehen. Beliebt sind Politiker, die aufs Ganze gehen. Hinzu kommt bei den Griechen nicht selten ein Überlegenheitsgefühl, das das Verständnis für die Gegenseite und eine Kompromisssuche ebenfalls erschwert.

Die wie oben gezeigt lange verfeindeten Länder Griechenland und Bulgarien hatten sich schon während des Kalten Krieges unter Konstantions Karamanlis versöhnt. Der Mazedonienkonflikt schwelte aber seit 1993 weiter. Die Berufung slawischsprachiger Mazedonier auf das antike griechische Erbe, zum Beispiel die Benennung des Flughafens von Skopje nach Alexander dem Grossen im Jahr 2007 war für die Griechen dann die ultimative Provokation – und das ist verständlich.

Ausflug ans Ende der Welt und der erfolgreiche Lösungsversuch

Erst der sozialdemokratische Ministerpräsident Zoran Zaev und sein griechischer Amtskollege Tsipras unternahmen wieder einen Lösungsversuch, der schliesslich erfolgreich war.

Psarades ist ein kleines Dorf an den Prespes-Seen am Dreiländereck Griechenland, Albanien und Nordmazedonien, wie ja jetzt dieses Land offiziell heisst. Ich war einmal dort. Es gibt einen wunderschönen Sandstrand, wunderbares klares Seewasser, gute Tavernen und pittoreske Dörfer in der Gegend – aber keine Leute. Die Grenze war damals praktisch tot. Touristen gab es keine und die Dörfer waren überaltert. Überall sah man verrammelte Fenster an Häusern, die verlassen waren, weil weder die Scholle noch die Wirtschaft die Menschen ernähren konnte. Man hatte den Eindruck, am Ende der Welt zu sein. Mutterseelenallein war ich am Strand und ich hatte den ganzen See für mich, als ich darin schwamm und meine Kreise zog. Das könnte sich nun ändern. Denn genau in dieser Ecke haben die Ministerpräsidenten Zaev und Tsipras letzten Sommer den Vertrag von Prespes unterzeichnet, der nun ratifiziert ist und in Kraft treten kann.

Der Vertrag beinhaltet die Verpflichtung Nordmazedoniens, diesen neuen Namen in offiziellen Dokumenten für alle Zwecke zu verwenden und das so in die Verfassung des Landes zu schreiben. Das ist in der Tat ein fairer Kompromiss, weil es einen klaren geographischen Unterschied zur griechischen Region Mazedonien schafft. Gleichzeitig wäre es unrealistisch von Griechenland, nach so langer Zeit auf einem Namen zu bestehen, der nicht mindestens das Wort Mazedonien enthält. Dies hätte jede Vereinbarung verunmöglicht. Die Wahl des Namens „Slawomazedonien“ oder ähnlich verbot sich wegen der zahlenmässig starken albanischen Minderheit im Land.

In anderen Bereichen zeigt der Vertrag, dass der kleinste gemeinsame Nenner manchmal schwer zu vermitteln ist. Die Nationalität der Bürgerinnen und Bürger muss nun in allen Reisepapieren als „mazedonisch/Bürgerin/Bürger der Republik Nordmazedonien“ bezeichnet werden. Das ist zwar ein juristischer Murks, es dürfte aber funktionieren.

Wie oben erwähnt, bezeichnet der Vertrag die Sprache als „mazedonisch“. Tatsächlich präzisiert der Vertrag aber, dass es sich hier um eine slawische Sprache handelt, die mit der antiken Geschichte und Kultur in keinem Zusammenhang steht. Für den Rest der Welt sind aber Menschen, die „mazedonisch“ sprechen, automatisch „Mazedonier“ und der neue Ländername Nordmazedonien dürfte es schwierig haben, sich im täglichen Sprachgebrauch durchzusetzen. Auch griechischer Sicht ist das ein grosser Nachteil des Vertragswerkes.

An sich ist der Vertrag im Unterschied zum Entwurf von 1993 sehr detailliert und versucht, alle Streitpunkte ein für alle Mal zu regeln. Nordmazedonien musste nicht nur seinen Namen und seine Verfassung ändern, sondern muss auch aus allen offiziellen Dokumenten, Schulbüchern und dergleichen sämtliche irredentistischen Tendenzen und Verweise auf die Antike tilgen. Diese Bestimmung sollte solchen Tendenzen einen Riegel schieben. Griechenland hat hingegen erklärt, es würde sein Veto gegenüber einem Nato-Beitritt und gegenüber der Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen aufgeben.

Und hier liegt für beide Länder der grosse Vorteil der Vereinbarung. Eine Normalisierung der Beziehungen und eine allfällige EU-Mitgliedschaft des Landes dürfte in der Region wirtschaftliche Impulse auslösen, Jobs schaffen und könnte vielleicht sogar die Abwanderung stoppen. Vielleicht wird es bald einmal an der Grenze zwischen Griechenland und Nordmazedonien öfters so geschäftig zu und hergehen wie am Tag der Unterzeichnung des Prespes-Vertrages. Und vielleicht werden die Besucher des Sees den Strand und das Wasser bald nicht mehr für sich allein haben. Wünschbar wäre es.

Der Vertrag zeigt aber noch etwas anderes. Manchmal ist es klüger, einen schmerzhaften Kompromiss zu schliessen, als ein Problem auf die lange Bank zu schieben. In den Jahren nach 1989 löste sich die Ordnung des Kalten Krieges auf. Auch der Balkan wurde völlig neu geordnet. Der grosse Abwesende dabei war Griechenland. 1989/1990 fanden zwei Parlamentswahlen mit unklarem Resultat statt. 1989 wurde das Land von einer konservativ (ND)-kommunistischen (KKE) Koalition regierten, deren einzige Gemeinsamkeit der Hass auf die Sozialisten (PASOK) war, die sie gemeinsam aus dem Sattel gehoben hatten. 1990 bis 1993 regierte eine ND-Minderheitsregierung. Unstabil und mit Mehrheiten ad hoc gelang es Mitsotakis trotzdem, praktisch die Legislatur auszuschöpfen. Aussenpolitisch konnte er aber keine grossen Stricke verreissen. Gerade in dem Zeitpunkt, wo man auf dem Balkan etwas hätte gestalten können, war Griechenland mit sich selbst beschäftigt. In der gleichen Zeit rollte Österreich die ehemaligen Kronländer auf und kaufte zum Beispiel grosse Teile des Bankensystems dieser Länder zusammen.

Griechenland ist zwar heute auf dem Südbalkan aktiv, aber dieses Engagement steht in keinem Verhältnis zu den Möglichkeiten, die sich geboten haben. Wie oben erwähnt, gab es 1993 einen heute weitgehend vergessenen ersten Versuch, den gordischen Knoten zu lösen. Damals stimmten Mitsotakis und seine Verhandlungspartner zwar einem zusammengesetzten Namen zu – Nova Makedonija – aber eine makedonische Sprache und Nation war im Vertrag nicht vorgesehen. Diese Punkte wurden bewusst offengelassen. Der Vertrag war überhaupt viel weniger detailliert und regelte nur die Grundsätze. Was blieb von diesem Versuch war die Tatsache, dass das heutige Nordmazedonien nur unter dem provisorischen Namen „Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM)“ in die UNO aufgenommen wurde. Seit 1993 hat aber Griechenland viel verpasst auf dem Balkan. Spät aber immerhin: jetzt ist eine Lösung da. Und in Zukunft würde sich die Verhandlungsposition Athens weiter verschlechtern, denn ob sich das Veto gegen die Natomitgliedschaft und EU-Beitrittsverhandlung ad libitum hätten halten lassen, ist meines Erachtens fraglich. Deshalb war es meiner Ansicht nach ein weiser Entscheid, jetzt diesen Vertrag abzuschliessen. Es liegt in der Natur des Kompromisses, dass beide Länder von ihren Maximalforderungen abrücken mussten. Unverständlich es aber, dass der Sohn von Kostas Mitsotakis, der heutige Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis, nicht in die Fussstapfen seines Vaters getreten ist und die heutige Vereinbarung hintertrieb. Immerhin ist der Verrat von Antonis Samaras aus dem Jahr 1993 immer noch eine schwärende Wunde in der Familie Mitsotakis. Schon deshalb sehe ich im Moment keine Alternative zu Ministerpräsident Tsipras.

Viele westeuropäische Kommentare sind geprägt von Unverständnis für diesen Konflikt. Sie fragen sich, wie man sich über ein derartiges Thema so ereifern könne. Man kann so argumentieren, wenn man von der Schweiz kommt, ein Land, das seit vielen Jahrhunderten in den gleichen Grenzen lebt und vor 200 Jahren in den letzten Krieg gezogen wurde. Vor dem Hintergrund der leidvollen Erfahrungen des Balkans ist der Konflikt aber allzu verständlich. Seien wir froh, dass er gelöst wird und hoffen wir auf gute Zusammenarbeit der beiden Länder!

Ein ruhiges Jahr als Erfolg

2018 war in Griechenland ein relativ ruhiges, ereignisarmes Jahr. Das ist bereits als ein grosser Erfolg zu werten. 2019 dürfte wieder turbulenter werden.

Im Gegensatz zu Weihnachten feiern die Griechen das Silvester und das Neujahr mit vielen Bräuchen und grosser Anteilnahme. Der erste Januar ist der Namenstag des heiligen Basilius, griechisch Agios Vassilis. Dieser ist deshalb die griechische Variante des St. Nikolaus, der die Geschenke bringt und unter den Weihnachtsbaum legt. Die Geschenke werden denn auch in der Silvesternacht kurz nach Mitternacht geöffnet. Da wird auch ein Kuchen gegessen, in den eine Münze eingelassen wurde.

Agios Vassilis

Und das kam gemäss der orthodoxen Tradition so: Basilios lebte im vierten Jahrhundert n.Chr. in der Stadt Caesarea in Kappadokien als Bischof. Zeit seines Lebens setzte er sich für die Armen und Benachteiligten ein. Kappadokien, heute in der Türkei gelegen, stand damals unter römischer Herrschaft. Die Bewohner litten unter der hohen Steuerlast. Der damalige Bischof Basilios wandte sich an die Reichen des Landes und bat sie, ihre armen Mitbürger zu unterstützen. Die Vermögenden gaben dem Bischof Geld und Schmuck, so dass dieser die Steuerschuld aller Bürger begleichen konnte.

Der römische Präfekt war von dieser Tat so gerührt, dass er auf die Steuer verzichtete und dem Bischof die Wertgegenstände und das Geld zurückgab. Weil es nun nicht mehr möglich war, die Gegenstände ihrem jeweiligen Besitzer zuzuordnen, ließ Basilios süße Brote backen, in denen im Rückgriff auf einen sehr alten Brauch die Schmuckstücke und das Geld eingebacken wurden. Diese Kuchen nannte man recht bald „Vassilopita“. Auf diese Weise verteilte er das Geld unter den Armen des Landes und wurde schliesslich zum Gabenbringer der Kinder an seinem Namenstag am Neujahr.

Was hat das mit der heutigen griechischen Realität zu tun – abgesehen von der Bescherung unter dem Baum und der Vassilopita? In den kommenden zehn Monaten stehen Parlaments-, Kommunal- und Europawahlen an. Ministerpräsident Tsipras versucht, mit Wahlgeschenken das Elektorat gnädig zu stimmen. Durch konsequenteres Eintreiben der Steuern hat er die Staatskasse stabilisiert. Was fehlt, ist ein heiliger Basilius, der die Reichen zum Steuerzahlen animiert und die Steuerlast der Armen mässigt. Liberalisierungen und Privatisierungen, die Jobs und Wachstum schaffen würden, lassen ebenfalls auf sich warten.

Der Ökonomieprofessor

Es muss irgendwann während der akuten Phase der Krise gewesen sein. Wir waren um die Weihnachtszeit bei einer Familie eingeladen. Das Haus war sehr schön weihnächtlich dekoriert, im Cheminée prasselte ein Feuer und die Gastgeberin servierte hausgemachte griechische Weihnachtsgüezi und einen Cake.

Die Kinder spielten im Obergeschoss, die Erwachsenen diskutierten im Wohnzimmer und irgendwann kam der Ökonomieprofessor nach Hause. Es kam wie es kommen musste: Die Krise wurde auch Thema dieser Kaminfeuerrunde. Wir argumentierten, dass die nach wie vor grassierende Steuerhinterziehung einer finanziellen Konsolidierung im Wege stehen würde und dass diese Konsolidierung keinesfalls nur durch Ausgabenkürzungen hinzubekommen sei und dass diese sowohl Ausgabenkürzungen wie Steuererhöhungen in Griechenland meist präzis die Falschen treffen, den Mittelstand ruinieren und den wirtschaftlichen Einbruch verstärken. Wir fügten hinzu, dass insbesondere Reiche und Freiberufler hier bisher ungenügend bis gar nicht an die Kandare genommen wurden.

Der Professor sagte, dass Ausgabenkürzungen und eine Verschlankung des Staates und Privatisierungen trotzdem unentbehrlich seien, dass aber einnahmenseitig eine Konsolidierung nicht hinzubekommen sei, wenn man gezielt auf die Reichen und die Freiberufler losgeht.

Und so ist es mit dem Amtsantritt der notabene der radikalen Linken zugehörigen Regierung Tsipras gekommen: Es handelt sich um die erste Regierung seit Wiederherstellung der Demokratie, die ernsthaft gegen die Steuerhinterziehung vorgeht. Und sie tut das geschickt: Durch die Kapitalverkehrskontrollen ist es seit fast vier Jahren nur in sehr beschränktem Umfang möglich, Bargeld abzuheben. Mit Karten kann man hingegen unbeschränkt zahlen. Das zwang viele Leistungserbringer dazu, erst Kartenleser anzuschaffen. Und damit können solche Transaktionen ohne weiteres besteuert werden. Griechenland wandelt sich von einer fast reinen Bargeldwirtschaft in ein Land, indem Karten ebenfalls ein gängiges Zahlungsmittel sind. So ist es gelungen – zum dritten Mal in der Folge – 2018 einen Primärüberschuss (Überschuss abzüglich Zinsen und Amortisationen) zu erwirtschaften, der weit über dem mit den Geldgebern festgelegten Ziel liegt. Definitive Zahlen liegen zwar noch nicht vor, aber Hellas mausert sich damit langsam aber sicher vom Prügelknaben zum Musterschüler.

Was fehlt?

Das Wirtschaftswachstum – immerhin: Griechenland wächst wieder – ist mit 2,2 % (BIP-Zahlen bis zum 3. Quartal 2018 auf Jahresbasis gerechnet) zu niedrig, damit der riesige Einbruch der Krise messbar kompensiert werden könnte. Die Löhne sinken und die Reichen und Freiberufler finden nach wie vor Möglichkeiten, sich dem Steuervogt zu entziehen. Ein Leistungserbringer im Gesundheitswesen sagte uns über das Neujahr, dass es für ihn nur einen Weg gäbe, in Griechenland auf einen grünen Zweig zu kommen: Keine Quittungen ausstellen. Das mag aus seiner Optik stimmen. Auch bei einem Arztbesuch ist es für viele Griechinnen und Griechen verlockend, die Frau oder den Mann im weissen Kittel bar zu bezahlen, dafür etwas weniger. Das Risiko, erwischt zu werden, ist verschwindend gering. Obwohl Griechenland zu einer prekären Stabilisierung gefunden hat, vergisst der Professor, dass die Akzeptanz harter Massnahmen nicht zuletzt davon abhängt, dass niemand ausgenommen wir. Und hier hapert es gewaltig. Die gleichen gesellschaftlichen Gruppen, die unter Lohn- und Rentenkürzungen litten und in die Arbeitslosigkeit getrieben wurden, erhalten nun auch die Rechnung vom Steuervogt präsentiert. Wie lange hält das eine Gesellschaft aus? Agios Vassilis sollte echt nicht nur am Neujahr die Geschenke verteilen!

Stabilität gefährdet

Die Stabilität Griechenlands ist aber nicht nur über den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. Rein finanzwirtschaftlich kann man auch nur von einer prekären Stabilisierung sprechen. Die Geldgeber haben zwar die Zinsen für die griechischen Schulden sehr stark gesenkt. Der Rucksack muss nicht mehr bei jedem Schritt getragen werden, aber er ist immer noch gleich schwer. Griechenland hat sich zu hohen Überschüssen bis ins Jahr 2060 verpflichtet – musste sich verpflichten. Wollten die Geldgeber an dem kleinen Land ein Exempel statuieren, ein abschreckendes Beispiel geben nach dem Motto: Seht her, was passiert, wenn ihr nicht bezahlt? Dass Schulden in diesem Ausmass nicht amortisiert werden können, habe ich hier schon oft nachgewiesen. Bei der Beendigung der dritten Darlehensvereinbarung im August erhielten die Griechen einen Puffer von ca. EUR 20 Mrd. Dieses Geld – Gerüchte in Athen sagen, es sei schon angeknabbert worden – ist für den Fall gedacht, dass die Märkte nicht gnädig sind und die Griechen die am Markt verlangten Risikoaufschläge nicht tragen können. Fliegt uns Italien um die Ohren oder zwingen die Gelbwesten Frankreich in die Knie oder trifft sonst ein externer Schock Griechenland (wie 2008 die hohen Ölpreise) – was wir nicht hoffen – dann hat Europa nicht nur ein Problem, gegenüber dem die Griechenlandkrise nur ein Sturm im Wasserglas war, sondern Hellas wird sehr schnell wieder Pleite sein. Oder darf es ein innenpolitisches Ereignis sein? Eine Regierungskrise nachfolgend von politischer Unsicherheit? Immerhin stehen auch regulär wie eingangs erwähnt, in diesem Jahr drei reguläre Urnengänge an. Und da kann viel passieren. Gerät aber Griechenland wieder in die Situation, wo das Land seine Schulden nicht begleichen kann, dann wird irgendwann die Einsicht auch in Berlin und Brüssel nicht zu umgehen sein, dass Hellas nur durch einen grosszügigen Schuldenschnitt wieder auf die Beine kommt, eine Einsicht, die schon im März 2010, bei der ersten Darlehensvereinbarung, fällig gewesen wäre.

 

 

Lesbos: Boomjahre schon vor der Krise vorbei – heisse Quellen und Olivenöl als viel versprechende Möglichkeiten (4. November 2018)

Mein Beitrag über Lesbos hat zu einem lebhaften Austausch mit dem Blogleser Bruno Fröhlich geführt, der fast 20 Jahre dort lebte. Da diese Äusserungen eines Insiders von allgemeinem Interesse sind, gebe ich sie hier in leicht redigierter Form weiter. Der Autor dieses Beitrags ist Schweizer und führte fast 20 Jahre lang auf Lesbos einen Juwelierladen. Heute lebt er im Ruhestand in Spanien.

„Ich lebte fast 20 Jahre in Petra, in der Nähe von Molivos und dem inzwischen tragisch berühmten Skala Sykaminia, nur etwas mehr als 2 km gegenüber der türkischen Küste, Zielstrand vieler Flüchtlinge, wo auch viele ertranken. Ich betrieb im Touristenort Petra einen Juwelierladen und verkaufte Schmuck aus Gold und Silber von griechischen Künstlern.

Lesbos, die drittgrösste griechische Insel entdeckte ich bei einem Ferienaufenthalt, dessen Ziel eigentlich Samos war. Die Empfehlung des Reisebüros sollte mein weiteres Leben nachhaltig verändern. Mit 56 startete ich ein neues Berufsleben in einer mir unbekannter Branche.

1994 übernahm ich das Geschäft. Es war damals ein Allerweltsladen mit etwas Schmuck. Ich kaufte ihn von einem Paar, sie Deutsche, er Grieche. Die gute Zusammenarbeit mit den griechischen Künstlern führte, nach Meinung der Kunden, zum schönsten Juwelierladen der Insel. Im Frühjahr 2009 beschloss ich, keine weitere Saison anzuhängen.

Das hat viele Gründe – der Rückgang des Tourismus ist aber ausschlaggebend und dieser Rückgang über viele Jahre war damals schon sichtbar und stand nicht im Zusammenhang mit der Krise. Ja, auch in diesem Punkt ist Lesbos besonders. . .

Die Steuern

Zu meiner Zeit betrug der Mehrwertsteuersatz 12%; ausser in den Supermärkten wurden praktisch nirgendwo Quittungen ausgestellt. Bei der Geschäftsübernahme sagte ich – logisch als Schweizer – den damaligen Besitzern, ich würde jeden Verkauf in die Kasse eintippen. Das Entsetzen war gross: „Willst du uns ins Gefängnis bringen?“ Man tippte knapp die Hälfte der Verkäufe. Dem Steuerberater, er ist unentbehrlich, liefert man die Einkaufsrechnungen und von jedem Monat die Kassenrolle. Die Relation interessiert ihn dabei nicht, Inventar ist ein Fremdwort und in den gesamten Geschäftsjahren erlebte ich zweimal eine behördliche Kontrolle im Laden. Die Aufmerksamkeit der Behörden galt den Tavernen – bei festgestellten Verstössen wurden oft Schliessungen von zwei bis 10 Tagen angeordnet.

War die Kontrolle im Dorf schellte das Buschtelefon und alle tippten brav jeden Verkauf, bis die Luft wieder rein war – ein Katz und Maus Spiel.

Blüte und Niedergang des Tourismus

Ich erlebte das Auf und Ab des Tourismus hautnah, auch dessen Blütezeit mit Rekordumsätzen in den Jahren 2000 bis 2004. Weiter ging es, wechselhaft, mit schrumpfendem Tourismus. Mich „retteten“ das Spitzensortiment der allerbesten griechischen Goldschmiede. Meine Konkurrenz und die Touristenläden jammerten.

Meine Analyse des Tourismus auf Lesbos von Anfang bis Ende meiner Zeit (1994 bis 2009): Die Menschen auf Lesbos sind tüchtige Olivenbauern mit einem Spitzenöl. Aber sie kennen das Wort Dienstleistung nicht. Weder in den Läden, den Tavernen, noch in den Hotels. Man nimmt gerne und gibt wenig. So erlebte ich Appartements, bei denen die Wasserhahnen tropften, Schranktüren sich nur mit Mühe öffnen und schliessen liessen und deren Wände etwas neue Farbe vertragen könnten. Mit der Einführung des Euro veränderte sich wenig. Ein Bier oder ein Kaffee für 2 Euro und mehr – Wucher. In Spanien an der Costa Blanca bezahle ich für eine Stange Bier maximal 1.70 EUR und den Espresso erhalte ich für 1 Euro.

Ich habe all meinen Berufkollegen immer wieder „gepredigt“: ihr müsst erst etwas bieten und dann kassieren. Die verbreitete Meinung war: ja, ja der Schweizer Besserwisser. Aber als ich den Laden schloss, da kullerten die Tränen: „Ja, du kannst gehen, wir haben Kinder, Familie. Wie soll es weitergehen? Stimmt, wir hätten hören müssen“.

Orte wie Petra, Molivos wie Skala Kalloni sind extrem abhängig vom Tourismus und ich erlebte seit dem ersten Betreten der Insel 1991 das Auf und Ab und die Träume von bäuerlichen Familien. Es begann mit der Vermietung einzelner Zimmer, gefördert von der ersten griechischen Frauenkooperative in Petra – eine wunderbare Initiative. Nun ist aber seit vielen Jahren das Restaurant kaum richtig angeschrieben, zu erreichen nur über eine steile Treppe. Es ist ein Insidertipp und immer gut besetzt dank der Kochkünstlerin Eleni, die früher auch Kurse für Touristen anbot. Die Bezeichnung Kooperative ist aber ein Etikettenschwindel.

Der Grund für den Krebsgang des Tourismus in Lesbos schon vor der Krise ist einfach. Der Übergang vom Rucksacktouristen zum Charterankömmling weckte den Appetit der Olivenbauern. Man fällte neben dem Familiensitz einige Bäume, baute einfache Appartements, suchte und fand Zusammenarbeit mit Reiseanbietern.

Die Oma ist doch eine glänzende Köchin – also war es ein kleiner Schritt, neben die Studios noch eine Bar und eine Taverne hinzubauen – schon fast ein Vorläufer von all included. Es gab tatsächlich Menschen, die in einer Woche gerade einmal den Weg ins Dorf fanden, wenn ich Glück hatte, um bei mir schönen Schmuck zu sehen und zu kaufen!

Fazit : Die Studio- und Tavernenbetreiber sind zwar gute Olivenbauern, doch haben sie keine Ahnung von Dienstleistungen in Hotel- und Gastgewerbe und wenig Sprachkenntnisse. Wenigstens Englisch wäre hilfreich.

Alles in allem ist das nicht die beste Werbung für das, was diese tolle Insel doch zu bieten hat. Ich kenne die Gründe nicht, warum Thomas Cook, sowie deutsche und holländische Anbieter die Insel zu meiden begannen. Die Freunde von Lesbos musste die Insel oft auf abenteuerlichen Umwegen erreichen. Viele waren ja meine Kunden und erzählten vom Umsteigen und langen Anfahrten zum Abflughafen eines möglichen Charters.

Kurzum, ich erlebte die Boomjahre und auch die stetige Abnahme des Tourismus, gepaart mit fehlender Unterstützung des Tourismusministers Es fehlte die Einsicht, dass nur qualitative Anstrengungen Gäste zurückbringen könnten.

Dazu fehlen aber die Investitionen, respektive die Einsicht und Bereitschaft, diese zu tätigen. Das Geld, ja „Gold“ liegt rund um die Insel an vielen Küsten; es handelt sich um die ungenutzten heissen Quellen. Investiert im kleinen Rahmen hat eine Deutsche, Erika Meyer, in Polichnitos.

Neue Chancen?

Warum fehlen die Grossinvestoren? Heisse Quellen böten Chancen für den Ganzjahrestourismus inklusive Rehaaufenthalte. Es fehlt für beide Bereiche das ausgebildete Personal, einige ältere kleine Badeanlagen vergammeln. In Skala Sikaminia wurden vor gut 20 Jahren Millionen Drachmen für einen luxuriösen Hotelneubau in den Sand gesetzt. Es war ein Bijou; bald nach der Eröffnung war aber Schluss, schnell verwandelte es sich in eine Jammerruine mit eingeschlagenen Scheiben – aller Luxus war dahin.

Mit dem zweiten „Gold“ ist es auch so eine Sache. Kooperativen verarbeiten die Oliven bis zur Abfüllung ins Fass. Damals bestanden langfristige Verträge mit Italien und Spanien. Das hochwertige Öl aus Lesbos war nicht einmal in den Läden der Insel zu kaufen, geschweige denn als Marke in Europa bekannt.

Das hat sich meines Wissens bis heute kaum geändert. Nur einige wenige eingewanderte Deutsche vertreiben wie Erika Meyer die Köstlichkeit im kleinen Rahmen. 12 Millionen Bäume und kompetente Olivenbauern führen zu Spitzenqualität. Knebelverträge und die Tatsache, dass das Öl dann verpanscht wird, führen zu tiefen Preisen.

Von Touristen und Türken

Kirchen, Klöster und Touristen, das war schon zu meiner Zeit ein Problem. Deutsche, Engländer, Skandinavier zeigten oft wenig Respekt – zum Entsetzen der vorwiegend älteren Griechinnen, die eifrigsten Kirchenbesucher.

Allerdings war auch auf der anderen Seite nicht alles Gold, was glänzte. Der Pope von Petra war nicht koscher. Er war immer in Bars anzutreffen, trank viel und hatte Laufdamen  –  man wunderte sich immer im Dorf, wie er teure und schnelle Autos sein Eigen nennen konnte. Er flog durch Zufall auf, der Fall gelangte über die griechischen Medien in die deutschsprachige Presse. Lesbos, die besondere Insel.

Türken kamen in den Jahren 1994 bis 2008 immer in geringer Zahl. Es gab lediglich ein wöchentlich verkehrendes Boot mit Platz für vier bis sechs Autos. Griechen und Türken unterhielten sich friedlich, und das zu einer Zeit, als die Türken stetig Ansprüche anmeldeten und ihre Luftwaffe den griechischen Luftraum verletzte. Die Leute kommentierten auf Lesbos den Streit lakonisch. Die Regierenden, egal welche Partei, würden mit dem Türkenproblem von innenpolitischen Querelen ablenken und Schuld seien ohnehin an allem immer die Amerikaner. Lesbos gilt ja auch als „rote Insel“; noch heute hat die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) Einfluss auf der Insel. Hammer und Sichel grüssen denn auch von Betonwänden.

Skala Sikaminia markiert die engste Stelle zur Türkei, knapp 2,5 Kilometer. Dies ist der Grund, dass die meisten Flüchtlinge dort und nicht in der Hauptstadt landeten. Das Flüchtlingslager in Moira liegt etwas versteckt; nur Insider wissen, wo es liegt und es ist total überbelegt. Die Zustände sind hier beschrieben.

Ich gehe mit dem Blogautor einig, dass Lesbos mehr als nur ein Besuch wert ist. Die Insel ist riesig, vielfältig und bietet allen etwas. Und sie hätte Potenzial: für die drittgrösste griechische Insel läge mehr drin.

 

Lesbos: Fluch und Segen der Randlage (27. August 2018)

Ein Besuch auf Lesbos in der Ostägäis zeigt, dass diese Insel im Guten wie im Schlechten von ihrer Randlage bestimmt wird. Wie erlebt man auf eine Reise diese Gegend, die durch die Flüchtlingskrise in die Schlagzeilen kam?

Der erste Eindruck, dass auf der drittgrössten Insel Griechenlands etwas anders ist, entstand schon im Taxi. Ich will jetzt der geneigten Leserin, dem geneigten Leser nicht berichten, was mir der Taxifahrer vom Flughafen in die Inselhauptstadt Mytilini erzählt hat. Ich mochte die Journalisten nie besonders, die irgendwo einflogen, zum Besten gaben, was sie gerade hörten, und dann weiterzogen.

Insel der Steuerzahler?

Als ich den Taxifahrer bezahlte, überreichte er mir anstandslos eine korrekte Quittung über den ganzen Fahrpreis, was sonst in Hellas bei dieser Zunft eher selten geschieht. Wir waren eine gute Woche auf der Insel und es war immer das gleiche Bild: Quittungen wurden uns ausnahmslos unaufgefordert überreicht – auch für kleine Beträge. Dem Grund dieses kleinen Wunders kommt man auf die Spur, wenn man eine dieser Quittungen einmal genauer unter die Lupe nimmt: 17% Mehrwertsteuer steht geschrieben. Ein Fehler? Schummelei? In Griechenland beträgt die Mehrwertsteuer doch 24%; aber auf allen Quittungen das gleiche: 17%.

Einige durch ihre Randlage wirtschaftlich benachteiligte Inseln in der Ostägäis profitieren von einem reduzierten Mehrwertsteuersatz. Und je höher die Steuer ist, als desto ungerechter wird sie empfunden und desto höher wird der Steuerwiderstand.

Mit dieser einfachen Massnahme hat die griechische Regierung in den letzten Jahren einigen Inseln geholfen und verhindert, dass die lokale Wirtschaft völlig abgestürzt ist. Nun sind aber diese Sondersätze den Geldgebern schon lange ein Dort im Auge und Griechenland musste im Gegenzug zur Auszahlung der letzte Kreditrate bei Auslaufen des letzten Hilfsprogramms am 20. August zusichern, diese Sondersätze am Jahresende abzuschaffen. Man kann sich ausmalen, was passiert: Ein Nachteil mehr für die lokale Wirtschaft, steigender Steuerwiderstand (das heisst konkret: einige zahlen nicht 24%, auch nicht 17%, sondern null!) und in der Summe keine Mehreinnahmen. Für mich spricht also kein einziges Argument gegen die Beibehaltung der Sondersätze. Es ist ein reiner Zwang aus Prinzip – so wie ihn deutsche Finanzminister gerne ausüben. Natürlich ist es extrem komplex, den Vorsteuerabzug vorzunehmen, wenn die Vorsteuer eventuell zu 24% anstatt zu 17% abgeführt wurde. Aber solche Sondersätze gibt es in vielen Ländern für gewisse Produktgruppen wie Nahrungsmittel. Also warum nicht für benachteiligte Inseln?

Randlage – was heisst das?

Was heisst diese Benachteiligung konkret für Lesbos? Die Insel ist Teil der ostägäischen Inselgruppe, die sich an die türkische Küste schmiegen. Diese Inseln machen, das zeigt ein kurzer Blick auf die Karte klar, die Ägäis zum Binnenmeer. Das passt den Türken zwar nicht, ist aber nun mal so. Wir gingen am ersten Abend im Hafen spazieren. Die türkische Küste ist etwa so weit vom Hafen von Mytilini entfernt wie das französische Evian vom Hafen von Lausanne. Wir sahen die beleuchteten Häuser im Nachbarland und es handelte sich hier nicht einmal um die engste Stelle. Von Athen aus bedeutet aber eine Reise nach Lesbos eine 13-stündige Schiffsreise. Die Schnellboote, die die Strecke in der Hälfte geschafft haben, gibt es längst nicht mehr. Oder aber man nimmt das Flugzeug. Dann ist man in einer halben Stunde von Athen da. Man hat also die Wahl zwischen bequem und teuer oder unbequem, lange und billig. Und wenn man ein Auto transportieren muss, hat man nicht die Wahl. Das bedeutet Randlage konkret. Früher gab es viele Charterflüge aus Westeuropa; ein solcher Direktflug mindert die Randlage etwas. Mittlerweise gibt es praktisch keine mehr. Osteuropäer, zum Beispiel aus den baltischen Staaten, halten aber Lesbos bis zu einem gewissen Grad die Treue.

Von der kleinasiatischen Katastrophe zur heutigen Flüchtlingskatastrophe

Die Strecke von der türkischen Küste nach Lesbos wäre auch für mich als Süsswasserkapitän bei einigermassen gutem Wetter keine besondere Herausforderung. Das erklärt einiges: 1922 geschah das, was die Griechen die „kleinasiatische Katastrophe“ (griechisch: Μικρασιατική καταστροφή) nennen. Dem Ersten Weltkrieg war ein Waffengang zwischen Griechenland und der Türkei gefolgt. Türkische Truppen eroberten das alte Smyrna (griechisch Σμύρνη heute türkisch İzmir). Was folgte war ein Blutrausch und die Brandschatzung der Stadt, was der dreitausendjährigen Besiedlung der Gegend durch Griechen ein Ende setzte. Armenier, die dem Völkermord während des Ersten Weltkrieges entkommen waren, sowie die gesamte griechische Bevölkerung der Stadt wurden ermordet, vertrieben oder flüchteten, falls die Zeit dazu reichte. An Bord eines solchen Flüchtlingsbootes: Die kürzlich verstorbene Grossmutter meiner Ehefrau. Ziel des Bootes: Lesbos. Von dort her kommen die Bande meiner Familie zu dieser Insel. Die geographische Lage hat sich für viele Schutzsuchende als Segen erwiesen, für die lokalen Bewohner, die sich von Athen im Stich gelassen fühlen, ist sie eher Fluch. Und die Kunde von den Flüchtlingen, die Nähe zur Türkei und zum Ort der kleinasiatischen Katastrophe hat Leben und Denken in Lesbos geprägt.

Und nach 90 Jahren kommen sie wieder, die Flüchtlingsboote, wieder tobte ein Krieg und wieder bot Lebos vielen Flüchtlingen Schutz und Rettung. Musste sich die Geschichte auf derart grausame Art wiederholen?

Endstation Lesbos

Wir sehen als Reisende erstaunlich wenig von den Flüchtlingen. Sie leben in einem Hotspot bei Moria, ein Dorf, das wegen eines römischen Aquäduktes eine gewisse Bekanntheit hat. Ein Bus bringt sie jeweils in die Stadt Mytilini, damit sie sich etwas umsehen und einkaufen können. Offensichtlich haben die Griechen die Sache hier einigermassen in den Griff gekriegt. Wenn man danach fragt erfährt man, dass immer noch neue Flüchtlinge kommen – jede Nacht. Aber nicht mehr in diesem Ausmass wie früher. Wie das sei? fragte ich. Funktioniert der Flüchtlingsdeal mit der Türkei? Einigermassen, sagen die Gesprächspartner. Im Hafen sehe ich die Kanonenboote von Frontex, der EU-Grenzagentur.

Das Abkommen zwischen der EU und der Türkei vom März 2016 sah vor, dass die Türkei Flüchtlinge an der Überfahrt hindert und dass diejenige, denen es trotzdem gelingt, in den Insel-Hotspots bleiben, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Bei Ablehnung werden sie direkt in die Türkei abgeschoben. Eigentlich tönt dieser Deal recht vernünftig und er scheint auch einigermassen zu funktionieren. Ist es aber nicht auch so, dass viele Flüchtlinge nicht nur der scharfen Überwachung durch die türkischen Grenzer wegen nicht mehr in die Boote steigen, sondern weil sie von den ostägäischen Inseln nicht mehr weiterkommen? Vor dem Flüchtlingsdeal stand ihnen die Balkanroute offen. Heute ist die Sache so: Wie oben beschrieben sind die ostägäischen Inseln so gelegen dass eine illegale Ausreise ins übrige Griechenland leicht verhindert werden kann. Am Flughafen wird kontrolliert, am Fährhafen auch und für Gummiboote ist die Reise zur nächstgelegenen griechischen Insel zu weit und das offene Meer oft stürmisch. Zusätzlich abschreckend wirken die zusätzlichen Kontrollmassnahmen und Grenzzäune, die Länder wie Ungarn ergriffen haben. Könnte es nicht sein, dass alle diese Massnahmen, ob sie nun in Westeuropa akzeptiert oder verpönt sind, ineinandergreifen und dazu geführt haben, dass man den Strom von Flüchtlingen heute einigermassen kontrollieren kann?

Der griechische Migrationsminister will die Asylverfahren auf den Inseln bald auf drei bis vier Monate verkürzen und auch die Appellationsverfahren straffen. Anschliessend sollen die Flüchtlinge wie vorgesehen in die Türkei abgeschoben werden.

Sommerferien auf Türkisch

Bereits kurz nach der Landung in Mytilini, als ich unseren Mietwagen bezogen hatte, fiel es mir auf: vor mir an der Ampel stand ein Personenwagen mit türkischem Kennzeichen – etwas, was man in Griechenland sonst nicht sieht. Kurze Zeit später schlenderten wir am Abend den Hafentavernen entlang. Noch bevor wir uns zum Abendessen setzten, fiel mir etwas auf: ein grosser Teil der Touristen, die am Hafen von Mytilini assen, sprachen türkisch. Überall gab es türkisch geschriebene Speisekarten und sogar die griechischen Kellner sprachen teils türkisch. Sogar Jachten mit türkischer Flagge liegen einträchtig neben griechischen Schiffen im Hafen vertäut. Was war geschehen? Habe ich da etwas verpasst? Griechen und Türken… Auf dem Höhepunkt der Krise hatte die damalige griechische Regierung nach Massnahmen gesucht, der lokalen Wirtschaft zu helfen. Von der Krise war der Tourismus in unterschiedlichem Masse betroffen. Während auf einigen sehr beliebten Inseln nach wie vor alles rund lief, hatten ostägäische Inseln wie Chios, Kastelorizo, Kos, Lesbos, Rhodos, Samos und Simi einen starken Einbruch zu gewärtigen. Die Flüchtlingskrise versetzte der Wirtschaft dieser Inseln noch einen zusätzlichen Schlag. Die Regierung kam dann vor etwa sechs Jahren auf die Idee, beschränkt auf diese Inseln eine Visums-Sonderregelung für türkische Staatsbürger einzuführen. Türkinnen und Türken benötigen, wenn sie in den Schengen-Raum einreisen, ein Schengen-Visum. Dieses müssen sie auf einem griechischen Konsulat oder auf der Vertretung eines anderen Schengen-Staates lösen, wobei diese sich nicht immer gleich um die Ecke befindet. Seit der Saison 2012 können Türkinnen und Türken nun für zwei Wochen visumsfrei auf die ostägäischen Inseln reisen und dort ihre Ferien verbringen. Für mich war es augenfällig, dass nebst der Sonderregelung betreffend Mehrwertsteuer diese Visumsbefreiung in Lesbos den Tourismus gerettet hat, weil die Menschen aus dem Nachbarland in Scharen davon profitieren.

Allerdings gibt es zwei Wertmutstropfen bei dieser ansonsten sehr guten Regelung: es ist es wie bei der Mehrwertsteuer die EU, die versucht, dieser nachbarschaftlichen Annäherung einen Strich durch die Rechnung zu machen. Für die EU ist der Schengenraum ein einheitliches Gebilde, das keine Sonderregeln verträgt. Da könnte ja jeder kommen! Die Griechen argumentieren, dass gerade die Randlage dieser Inseln ein Einsickern türkischer Staatsbürger in den übrigen Schengenraum verhindert. Auf den Flughäfen wird auch bei Inlandsflügen die Identität kontrolliert, an den Fährhäfen auch und für eine illegale Überfahrt ist es zu weit. Die Missbrauchsgefahr ist also gering. Deshalb konnte sich die griechische Regierung bisher in Brüssel durchsetzen. Für mich ist aber klar: Muss die Mehrwertsteuer von 17 in einem Ruck auf 24% erhöht werden und müssen Türken wieder ein Schengen-Visum vorweisen, dann ist die Wirtschaft in Lesbos am Boden.

In Mantamados, im Norden der Insel Lesbos befindet sich ein Kloster aus byzantinischer Zeit, das dem Erzengel Michael geweiht ist. Mit dem Kloster des heiligen Raphael gehört es zu den bedeutendsten Klöstern der Insel. Eine Besonderheit ist die wundertätige Ikone des Erzengels Michael, die gemäss der Überlieferung aus Blut und Lehm geformt wurde. Wir haben dieses Kloster nicht zum ersten Mal besucht und für uns ist diese Pilgerstätte wichtig. Was uns schockierte war nicht die Tatsache, dass im Halbstundentakt Reisebusse mit türkischen Touristen vorfuhren, die in der Klosterkirche einen Augenschein nahmen. Was uns schockierte, war deren Benehmen und die Tatsache, dass die griechischen Verantwortlichen nichts dagegen unternahmen und darauf angesprochen, nach Ausflüchten suchten und sich niemand verantwortlich fühlt. Frauen, die im Badeanzug die Kirche betreten und sich vor einer Ikone ablichten, Männer in kurzen Hosen, Gespräche in der Lautstärke eines Kaffeehauses – und das, obwohl die Verhaltensregeln vor der Klosterpforte gut sichtbar in türkischer Sprache angeschlagen sind. Ich habe in meinem Leben noch nie eine derartige Respektlosigkeit von Touristen gesehen – sei es aus Unwissen, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus fehlender Sensibilität. Der Vorfall zeigt mir aber, dass man auch bei Touristen ein Minimum an Anstand und Befolgung von lokalen Verhaltensregeln einfordern soll und dass das Eingehen auf ihre Wünsche Grenzen hat.

Die beiden Aufseherinnen schwatzten, schritten aber nur ein, als eine griechische Grossmutter diskret im Kirchenraum fotografierte… Wir gönnten uns nach dem Klosterbesuch doch noch einen griechischen Kaffee unter schattigen Bäumen, verliessen aber den Ort nachdenklich.

Lesbos: eine gesegnete und gleichzeitig geschundene Insel, aber immer ein Besuch wert!

Waldbrände: Die Sprachlosigkeit ihres Bloggers (Insel Euböa, August 2018)

Die diesjährigen Waldbrände mit ihrem enormen Blutzoll liessen ihren Blogger sprachlos zurück. Leider kann sich eine ähnliche Katastrophe früher oder später widerholen. 

Etwa hundert Tote. Kinder, die sich in der Stunde des Todes umarmen – die Grossen die Kleinen. Was kann man dazu sagen? Ich habe bisher ob der Katastrophe geschwiegen, raffe mich aber jetzt trotzdem zu einigen Worten auf. Verstörend an der ganzen Sache ist die Suche nach Sündenböcken, die Forderung nach Rücktritten und dann der Übergang zur Tagesordnung. Als wäre nichts geschehen. Bis zum nächsten Mal.

Die Feuerwehr ist aufgeschmissen
Der erste Waldbrand, der ausser Kontrolle geriet, war derjenige bei Kineta an der Strasse von Athen nach Korinth. Zu dieser Zeit Ende Juli herrschten Temperaturen von fast 40 Grad und praktisch Windstärke 10. Kurze Zeit nach dem Brandausbruch in Kineta brach auch der Brand in Ostattika aus, konzentriert vor allem um den Badeort Mati. Es war dieser Brand, der die vielen Todesopfer gefordert hat.
Warum war es so schwierig, ihn unter Kontrolle zu bringen?

  • Die Feuerwehr war in Kineta beschäftigt. Bis sie vor Ort in Mati war, dauerte es.
  • Durch die Windstärke und während der Nacht war der Gebrauch von Löschflugzeugen schwierig.
  • Normalerweise stoppen vierspurige Strassen und Autobahnen einen Waldbrand. Diesmal hat die Feuerwalze auch eine solche Breite des Windes wegen locker übersprungen.

Mit anderen Worten: Die Feuerwehr war aufgeschmissen.

Was könnte man tun? 
Ich habe hier schon darüber geschrieben, wie man urplötzlich fast oder ganz von einer Feuersbrunst betroffen ist. Das einzige, was schnell helfen kann, sind Feuerwachen oder aufmerksame Nachbarn. Gelingt es, das Feuer im Keim zu ersticken, ist der Schaden gering. Ist es einmal ausser Kontrolle geraten, wird es schwierig.
Früher hat man jeweils im Frühjahr, bevor es trocken wurde, die Wälder geputzt und von trockenem Reisig befreit. Das macht man heute kaum mehr – ein Grund mehr, wie sich die Feuer ausbreiten können.
Nach der Feuersbrunst in Mati gingen sofort die Spekulationen um die Brandursachen los und es wurden Rücktrittsforderungen laut. Das Übliche. In internationalen Medien wurde der Verdacht geäussert, es habe sich um Brandstiftung gehandelt.  Warum habe ich bis zum Beweis des Gegenteils Mühe, das zu glauben?
Bei der Brandkatastrophe vor 11 Jahren brannte etwa in zwanzigminütiger Entfernung von unserem Haus ein ganzer, bewaldeter aber unbebauter Hügel. Heute ist dieser teilweise überbaut – ein Schelm, wer Böses denkt. Bei Mati handelt es sich aber um eine parzellierte und stark überbaute Gegend: Kleine Häuser in den Bäumen und am Meer. Die Motivation für Brandstiftung fehlt also. Was aber dazu führte, dass die Katastrophe einen derart hohen Blutzoll forderte was eben die Tatsache, dass die Gegend überbaut ist und dass die Fluchtwege fehlen. Die Feuerwalze überrollte die Häuser derart schnell, dass Menschen regelrecht umzingelt wurden – Man stellt sich besser nicht das Verkehrschaos von flüchtenden Autos vor.
In Griechenland gibt es eine Verfassungsbestimmung, wonach das Meer frei zugänglich sein muss. Dieser wird aber ungenügend nachgelebt. In Mati gibt – oder besser: gab es viele Villen, die direkt am Meer liegen und die gegen die Strasse mit einem Zaun abgeschlossen sind. So war vielen Menschen auch der Weg an das rettende Meer versperrt.
Wir haben kürzlich im Dorfcafé mit Freunden aus der Gegend über diese Katastrophe gesprochen. Ein Gesprächsteilnehmer zückte das Smartphone und fand heraus, dass der griechische Staat jährlich 2 Milliarden Euro an Einnahmen aus der Legalisierung von illegalen Bauten einnimmt. Die Chance, dass er in Zukunft darauf verzichtet, ist verschwindend gering – es wird also weiterhin in brandgefährdeten, waldreichen Gegenden gebaut und das Haus nachher legalisiert.
Im Winter beklagte Griechenland die Flutkatastrophe von Mandra. Der Fluss, normalerweise ein Rinnsal, war zu einem reissenden Strom angeschwollen. So wie in Waldgegenden illegal erbaute Häuser nicht abgerissen werden, werden die Flussbetten nicht renaturiert. Niemand will sich unpopulär machen. Und sollte eine Regierung einmal tatsächlich ein solches Projekt in Angriff nehmen, würde die Opposition jeglicher Couleur das sofort ausnützen.
Die Katastrophe von Mati kann sich also widerholen.